Das Schweizer Stimmvolk hat sich im Jahr 2014 eindeutig gegen die Einführung eines nationalen Mindestlohns entschieden. Dieser Beschluss spiegelte ein tief verwurzeltes Verständnis für den Arbeitsmarkt und die Bedeutung der Sozialpartnerschaft wider. Seitdem bemühen sich linke Kräfte, mittels kantonaler Regelungen das zu erreichen, was auf nationaler Ebene abgelehnt wurde. Auf den ersten Blick erscheint die Argumentation von Gewerkschaftspräsident Pierre-Yves Maillard schlüssig: Erwerbstätige sollten finanziell besser dastehen als Sozialhilfeempfänger. Doch hier liegt das eigentliche Problem: Wenn sich Lohnarbeit kaum noch von staatlicher Unterstützung abhebt, ist etwas im System grundsätzlich falsch. Die Diskussion sollte daher nicht primär um die Einführung oder Erweiterung von Mindestlöhnen kreisen. Es gilt vielmehr, ehrlich zu analysieren, warum Sozialleistungen in manchen Fällen ein Niveau erreicht haben, das Anreize zur Arbeit verzerrt. Ein System, das Arbeit nicht klar belohnt, gefährdet langfristig sowohl die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kantonale Mindestlöhne sind ein symptomatischer Ansatz, der jedoch keine Ursachen löst. Sie beeinflussen die Lohnbildung und adressieren nicht die strukturellen Probleme. Im Gegenteil: Sie können geringqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Markt drängen, da sich ihre Beschäftigung für Arbeitgeber nicht mehr lohnt. Anstatt neue Regulierungen zu schaffen, ist eine nüchterne Analyse der Fehlanreize zwischen Löhnen, Steuern und Sozialleistungen notwendig. Ziel muss ein System sein, in dem sich Arbeit finanziell wie ideell lohnt. Nur so lässt sich Armut effektiv bekämpfen, ohne neue Probleme zu schaffen. Die Fokussierung auf Mindestlöhne greift daher zu kurz und lenkt von der eigentlichen Herausforderung ab: das Gleichgewicht zwischen sozialer Absicherung und Arbeitsanreizen wiederherzustellen. Dort sollte die politische Diskussion ansetzen.