Zürichs berühmtes Provisorium offenbart die fehlende Innovationskraft der Stadt, wie sie sich selbst gerne präsentiert. Das von Architekt Karl Egender entworfene Gebäude auf dem Papierwerdareal über der Limmat erinnert mit seiner Ästhetik an eine einfache Kartonschachtel. Es steht symbolisch für einen Ort, der Zürich als innovativ, mutig und multikulturell repräsentieren könnte – ein Potenzial, das jedoch ungenutzt bleibt.
Die Stadt hat seit über 60 Jahren um die Zukunft dieses Areals gerungen, viele Vorschläge wurden in dieser Zeit bereits verworfen. Am Mittwoch präsentierte der Stadtrat nun seinen Entwurf für das Provisorium, der sich durch seine Ähnlichkeit zum Status quo auszeichnet: Eine Sanierung mit Lichthof und Dachterrasse steht im Vordergrund, während eine Verlagerung des Supermarkts ins Untergeschoss notwendig wird. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) erklärte vor den Medien, dass aus denkmalpflegerischen Gründen keine weiteren Veränderungen möglich seien. Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) beschrieb die Pläne als „nicht das Ei des Kolumbus“.
Der Vorschlag ist ein Kompromiss der langweiligsten Art: Er wagt nichts Neues, verändert kaum etwas und scheint vor allem darauf abzuzielen, Entscheidungen hinauszuschieben. Das Provisorium wird lediglich so instand gesetzt, dass es den heutigen Sicherheitsstandards entspricht – ein Unterfangen mit einem Budget von 78 Millionen Franken.
Die Rechtfertigung des Erhalts durch Denkmalpflege wirkt merkwürdig, da das Gebäude weder geschützt noch inventarisiert ist. Interessant ist zudem, dass der Stadtrat selbst 2018 den Abriss vorgeschlagen hatte, nachdem die Denkmalpflege den Bau als potenziell schützenswert eingeordnet hatte. Die Frage bleibt, ob ein Expertengremium mehr Einfluss in dieser Debatte hat als die Stimmberechtigten.
Die Stadt verlässt sich auf ein Dialogverfahren mit etwa 60 Teilnehmern aus verschiedenen Bereichen. Dass eine solch wichtige Entscheidung mittels Workshops getroffen wird, erscheint absurd. Historisch gesehen wurden schon mehrfach Studien und Ideen gesammelt – beispielsweise Ende der 1970er Jahre mit einem Projekt von Rudolf und Esther Guyere oder in den Nullerjahren, als Hochparterre wilde Entwürfe präsentierte.
Der Stadtrat scheint jedoch nicht bereit für mutige Entscheidungen. Am Globus-Provisorium zeigt das rot-grüne Zürich ein biederes Gesicht und entscheidet sich stattdessen für die Sicherheit der bekannten Optionen.