Bevor der Hype um Künstliche Intelligenz begann, galt das Metaverse als neueste Innovation. Angesichts der Pandemie sahen Technologieunternehmen die Zukunft des Internets in einer dreidimensionalen, virtuellen Welt, die visuellere und körperlichere Interaktion ermöglicht.
Heute nutzen wir mit Smartphones Apps und Websites über Finger oder Maus; doch die Vorstellung für die Zukunft war eine Welt wie in Science-Fiction-Filmen: Virtual-Reality-Brillen für den Einstieg in digitale Welten, Manipulation von Objekten durch spezielle Handschuhe oder Controller.
Rapper investierten in virtuelle Grundstücke, Konzerte und Sitzungen fanden mittels VR statt; Organisationen wie Pro Senectute und Städte wie Zug wagten erste Experimente. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg war so überzeugt, dass er seinen gesamten Konzern in Meta umbenannte und Milliarden investierte.
Die Geräte (VR-Brillen und Hand-Controller) sind jedoch weder ausgereift noch kostengünstig genug für den Massenmarkt. Die Nutzungsideen bei virtuellen Meetings und Unterrichten stoßen an ihre Grenzen – nach den erschöpfenden Lockdowns der Pandemie keine begeisterte Perspektive.
Wer nicht vom Hype überwältigt wurde, erkannte, dass sich die Vision nicht in wenigen Jahren realisieren lässt. Meta bietet mit “Horizon Worlds” für seine VR-Brillen “Quest”, eingeführt im Juni 2024, eine Mischung aus “Roblox”, “VR Chat” und “Fortnite Creative”: Nutzer treffen sich, tauschen sich aus oder erstellen eigene Welten.
Ursprünglich plante Meta die VR-Version einzustellen – nach Protesten der Nutzer soll sie nun erhalten bleiben, ohne weitere Entwicklung. Stattdessen fokussiert sich das Unternehmen auf die Smartphone-Version.
Mit dem aktuellen KI-Hype rückt das Metaverse in den Hintergrund. Doch ein endgültiger Abgesang ist verfrüht und basiert auf einem Missverständnis: Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet – was folgt nach dem Smartphone? Es geht nicht darum, nur die Gadget-Fans zu befriedigen.
Die Digitalisierung voranzutreiben bedeutet, dass immer mehr Menschen mit dem Netz interagieren. Mehr und mehr Dinge sind vernetzt: Fabrikations- und Lieferprozesse digitalisiert; Häuser und Autos mit Sensoren ausgestattet, die Betrieb und Wartung revolutionieren.
Diese Vernetzung ermöglicht neue Dienstleistungen – viele davon noch nicht vorstellbar. Es ist unplausibel, dass wir uns für immer über den kleinen Touchscreen eines Smartphones mit einem immer komplexer werdenden Netz verbinden.
Das Smartphone bleibt beständig präsent. Alle Versuche, es abzulösen, scheiterten: VR-Brillen sind zu teuer und isolieren; Smartwatches ergänzen am besten das Smartphone; KI-Pins versagten in ihrer Funktion.
Der konkrete Formfaktor ist noch nicht gefunden, doch die Idee bleibt relevant. Science-Fiction-Autor Neal Stephenson prägte den Begriff “Metaverse” in seinem Roman “Snow Crash” von 1992 und beschrieb eine zukünftige Vision.
Vergleicht man diese Beschreibung mit der Realität, erkennen wir bereits vorhandene Elemente. Ein Smartphone-Klick könnte einen Roboter zu Hause starten; dreidimensionale Welten für Gamer sind alltäglich. Staus werden umgeleitet; digitale Baupläne passen sich live an die Realität an; Sensoren warnen vor potentiellen Gefahren.
KI macht das Metaverse erst möglich, nicht überflüssig. Die Datenmengen der vernetzten Objekte lassen sich nur mit maschinellem Lernen nutzen. In einem komplexen Netz benötigen Maschinen Autonomie und Intelligenz für schnelle Reaktionen. KI verändert die Interaktionsmethoden: Sprach- und Bild-Erkennung eröffnen neue Möglichkeiten.
Ein Metaverse ist dann gescheitert, wenn es fantasielos bleibt. Der Begriff “Metaverse” könnte überholt wirken wie der Terminus “Daten-Autobahn”, doch die Idee einer interaktiven, visuellen Datenstruktur nähern wir uns stetig weiter an.