In einem viel beachteten Essay, der konservative Intellektuelle begeistert hat, wird die israelische Gesellschaft als Paradebeispiel dafür dargestellt, was der Westen verloren hat. Niall Ferguson lobte den Text aus dem «Tablet»-Magazin als „heissen Anwärter auf den Essay des Jahres“. Die Autorin Alana Newhouse argumentiert darin, dass die intensive Beschäftigung mit Israel in der westlichen Welt nicht primär durch dessen Kriegsführung oder Antisemitismus erklärt werden kann. Vielmehr sieht sie in Israel ein Land, das stolz auf seine Identität blickt – etwas, was im Westen zunehmend verloren geht.
Newhouse betont, dass der Zionismus ins Visier geraten sei, weil er eine zukunftsorientierte Form des Nationalismus verkörpere. Dieser respektiere kulturelle Besonderheiten und individuelle Freiheiten – ein Konzept, das im Westen sowohl von Rechten als auch Linken vermisst wird.
Israelische Demonstrationen zeigen eine tiefe emotionale Verbundenheit der Menschen mit ihrem Land, unabhängig von politischer Ausrichtung. Dies steht in starkem Kontrast zu vielen westeuropäischen Ländern, wo Nationalismus seit dem Zweiten Weltkrieg oft negativ konnotiert ist.
Newhouse glaubt, dass die Zurückdrängung des nationalen Gefühls zugunsten eines internationalen Ansatzes negative Auswirkungen hat. Sie sieht darin einen Grund für den politischen Zerfall und den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa.
Die Philosophie Johann Gottfried Herders, die das Konzept des «Volksgeistes» prägte, betont die Bedeutung von gemeinsamen Traditionen und Geschichte. Newhouse argumentiert, dass ein starkes Nationalgefühl Länder funktionaler macht, wie es in vielen ehemaligen Kolonien fehlt.
Neue Staaten schaffen oft Mythen, um ihre Einzigartigkeit zu betonen. In der Schweiz spielten solche Geschichten eine zentrale Rolle bei der nationalen Identitätsbildung. Doch seit den 1960er Jahren wird Patriotismus in vielen westlichen Ländern als reaktionär angesehen.
In Krisenzeiten, wie etwa im Zweiten Weltkrieg oder aktuell in der Ukraine, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl die Nationsbildung. Israel zeigt diese Dynamik besonders deutlich: Eine jahrtausendelange Verfolgungsgeschichte und eine gemeinsame Sprache tragen zum nationalen Zusammenhalt bei.
In der Schweiz fehlt es an einer einheitlichen Identitätsgrundlage wie Sprache oder Konfession. Dennoch definiert sich das Land über seine Liebe zur Freiheit und direkte Demokratie, wie der Nationaldichter Gottfried Keller betonte.
Newhouses These vertritt die Ansicht, dass Israel wegen seines starken Selbstbewusstseins angefeindet wird. Ihr Essay fordert den Westen auf, seine eigene Identität und Kultur wieder selbstbewusster zu verteidigen.