Der Konsum von Alkohol auf Baustellen ist stark rückläufig. Experten warnen jedoch, dass Arbeitnehmer vermehrt zu Kokain, Cannabis und Aufputschmitteln greifen. Als Hauptgrund wird der erhöhte Druck genannt.
Ein 16-jähriger Lehrling aus Zürich berichtet: «Auf Koks bin ich wie eine Maschine. Mein Chef müsste mich doppelt bezahlen», während er den Arbeitsweg nach Hause antreten. Er arbeitet mehrfach wöchentlich auf Baustellen, seit er im Sommer seine Lehre begonnen hat. Drogen sind für ihn ein fester Bestandteil der Arbeit. Sein Favorit ist Cannabis: «Ein Joint am Morgen macht die Arbeit leichter», sagt er, da er die Dosierung so gut steuert, dass niemand etwas bemerkt.
Dies spiegelt einen Trend im Baugewerbe wider: Früher gehörten die Harasse mit braunen Flaschen zur Standardausrüstung. Präventionskampagnen, strengere Versicherungsauflagen, wachsames Handeln der Arbeitgeber und veränderte Konsumgewohnheiten haben dies geändert.
Unter Druck setzen sich die Arbeiter nun anderen Mitteln zu: «Heute wird auf dem Bau kaum mehr getrunken. Stattdessen häufen sich Meldungen über Drogenkonsum», sagt Chris Kelley, Co-Leiter Sektor Bau bei der Gewerkschaft Unia.
Nicht nur Entspannungsmittel wie Cannabis sind gemeint, sondern auch Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamine, die kurzfristig Leistung steigern und Müdigkeit unterdrücken können. Der Körper zahlt jedoch einen hohen Preis dafür.
Ein Fall sorgte Anfang des Jahres für Aufsehen auf der technisch anspruchsvollen Großbaustelle des stillgelegten Kernkraftwerks Mühleberg, wo strenge Vorschriften gelten. Nachdem weisse Spuren in einem WC entdeckt wurden und gemeldet wurden, stellte sich heraus, dass es sich um Amphetamin handelte. Daraufhin wurden ein temporärer sowie ein festangestellter Mitarbeiter entlassen.
Kelley sieht diese Berichte als Symptom einer Krise im Baugewerbe, die zunehmend zu eskalieren droht: In der Schweiz boomt der Bau seit Jahren; zwischen 2015 und 2024 stieg der Umsatz um rund 19 Prozent. Der Fachkräftemangel verschärft den Druck weiter.
Die Verbreitung des Drogenkonsums lässt sich kaum messen, da weder die Suva noch Präventionsstellen systematische Daten erfassen. Alkohol- und Drogentests am Arbeitsplatz sind aufwendig und rechtlich problematisch, da sie in die Privatsphäre eingreifen.
Ein Temporärbüro berichtet von Drogen auf jeder zweiten bis dritten Großbaustelle. Strukturelle Probleme wie der anhaltende Bauboom und Wettbewerb unter den Temporärbüros, die Arbeiter für weniger Geld anbieten, verschärfen die Lage.
Contact Nightlife in Bern und Biel bietet anonyme Beratung und Drug-Checking-Angebote an. Thomas Koller von der Stiftung Contact berichtet von regelmäßigen Besuchen durch Bauarbeiter, was das Thema in der Branche stigmatisiert.
Bauarbeiter sprechen seltener über psychische Probleme als andere Berufe, so Koller. Amphetamine bieten eine schnelle Lösung für den Druck, auf der Baustelle funktionieren zu müssen, aber sie führen oft zur Abhängigkeitsspirale.
Jacqueline Theiler vom Baumeisterverband sieht dies im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen und betont die Nulltoleranz gegenüber sicherheitsrelevanten Verstößen. Die Gewerkschaft Unia warnt vor einer Gesundheitskrise, da der Druck zu Burnout führt.
Eine Studie der Fachhochschule Graubünden 2024 zeigt, dass Führungskräfte die Branche verlassen, was das Problem verschärft. Kelley fordert Präventionskampagnen wie damals beim Alkohol.
Der Lehrling plant, seinen Konsum einzuschränken und nur noch nach getaner Arbeit Cannabis zu konsumieren.