Vor genau 250 Jahren veröffentlichte der schottische Moralphilosoph Adam Smith in London sein bahnbrechendes Werk «An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations». Dieser Text, oft als Grundlage der modernen politischen Ökonomie angesehen, vereint Ökonomie, Ethik und Politik. Im Frühjahr 1776 veröffentlicht, zeigt Smith auf, dass ein Land durch eine weitgehend selbstregulierende Marktwirtschaft schneller wirtschaftliche Prosperität erlangen kann als durch die damals vorherrschende merkantilistische Strategie der Exportförderung und Importbeschränkungen mittels Schutzzöllen – ein Thema, das angesichts aktueller Zolldebatten brisant erscheint.
Smith argumentierte dafür, die Produktivität durch Arbeitsteilung zu erhöhen und den Wettbewerb sowie freie Preisbildung auf offenen Märkten und internationalen Handel zu ermöglichen. Er postulierte, dass der individuelle Vorteilsstreben in einem «einfachen System der natürlichen Freiheit» die Gesamtwohlfahrt steigert, wobei der Markt als eine Art «unsichtbare Hand» das Gemeinwohl fördert.
Das Buch fand sofortige Beachtung und beeinflusste die Entstehung einer neuen volks- und weltwirtschaftlichen Dynamik im 19. Jahrhundert, indem es die Verselbständigung des Wirtschaftssystems von direkter staatlicher Kontrolle propagierte.
Jedoch wäre eine reine Interpretation als Befürworter eines grenzenlosen Laissez-faire-Wirtschaftsliberalismus irreführend. Smith, der auch die «Theory of Moral Sentiments» verfasste und Moralphilosophie in Glasgow lehrte, erkannte, dass moralische Bindungen allein nicht ausreichen für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Er fand in der marktwirtschaftlichen Selbstkoordination einen wichtigen Verstärker und betonte die Notwendigkeit eines Zusammenspiels von Sozial- und Systemintegration.
Smith plädierte für eine Einbindung des individuellen Gewinnstreben in ethische Normen und Rechtsstaatlichkeit. Dies macht ihn nicht zu einem libertären Denker, sondern eher zum Vorläufer des Ordoliberalismus, der die Bedeutung eines starken politischen Rahmens für faire Märkte, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit hervorhebt.
Obwohl Smith einen dritten Politik-Baustein als Bindeglied zwischen Ethik und Ökonomie entwarf, blieb dieser unvollendet. Kurz vor seinem Tod veranlasste er das Verbrennen des Manuskripts, möglicherweise aus Zweifel an der Machbarkeit seiner liberalen Synthese.
Trotzdem bleibt Smiths Bestreben, Ökonomie in moralphilosophischer Absicht zu begründen, insbesondere im Kontext sozialer und ökologischer Herausforderungen der modernen Weltwirtschaft, von großer Aktualität. Peter Ulrich, ehemaliger Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen, hebt diese Relevanz hervor.
Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen.Übersetzung: H. C. Recktenwald. DTV 2018. 400 S.