Jean-Philippe Rameaus Barockoper «Castor et Pollux», die in einer neuen Inszenierung am Grand Théâtre de Genève zu sehen ist, erstrahlt durch die poetische Umsetzung des gefeierten Choreografen Edward Clug. In seiner Regie verbindet Clug Motive der Oper mit gegenwärtigen Elementen und schafft dabei beeindruckende Momente. Die griechisch-römische Antike sah eine Trennung der Toten in Elysium und Hades, doch mythische Figuren wie die Dioskuren Castor und Pollux konnten zwischen diesen Welten vermitteln. In dieser Neuinszenierung ist Castor von Anfang an als Schatten seines Bruders Pollux präsent. Dieser Konflikt wird durch die Tatsache verschärft, dass beide in Télaïre verliebt sind, während sich Castor gegen das Opfer Pollux’ sträubt. Jupiter vereint sie schließlich im Sternbild der Zwillinge, begleitet von einer prachtvollen Chaconne des gesamten Sonnensystems – ein typisches Beispiel für Rameaus Tragédie lyrique. Unter Aviel Cahns Intendanz hat sich Genf zu einem Zentrum für barocke Opernfestivals entwickelt, die französischsprachige Werke hervorheben. Mit der Inszenierung von «Castor et Pollux» zeigt Edward Clug sein Debüt als Opernregisseur. Bekannt als Ballettdirektor in Maribor und mit Erfahrungen an der Zürcher Oper und im Theater Basel, bringt er frischen Wind in das Genfer Operngeschehen. Die temporären Aufführungen finden seit Januar aufgrund von Renovierungsarbeiten am Grand Théâtre im innerstädtisch gelegenen Bâtiment des Forces Motrices statt. Dieses ehemalige Wasserkraftwerk beeindruckt äußerlich mit spät-19. Jahrhundert Architektur, während der Innenraum eher schlicht wirkt. Die Produktion setzt auf eine Mischversion von «Castor et Pollux», die Elemente aus den Fassungen von 1737 und 1754 kombiniert. Mit Stars wie Reinoud van Mechelen als Castor, Andreas Wolf als Pollux, Sophie Junker (Télaïre) und Ève-Maud Hubeaux (Phébé) wird das Ensemble durch renommierte Sänger der französischen Barockszene verstärkt. Die Cappella Mediterranea unter Leonardo García-Alarcón bereichert die Aufführung mit ihrer musikalischen Begleitung. Edward Clug bringt den Chor zu immer neuen Formationen und kreiert theatrale Bilder, die Rameaus Musik in der Gegenwart neu interpretieren. Beispielsweise verwandelt sich bei Hebes Auftritt eine milchige Flüssigkeit in einen magischen Tanzraum, während Castors ewiger Einkaufswagenkarussell im Elysium endet. Trotz Clugs innovativer Herangehensweise bleibt die Ausstattung konventioneller als erwartet. Die Bühne, entworfen von seinem Team um Marko Japelj und Leo Kulaš, verzichtet auf barocke Prunkeffekte zugunsten einer minimalistischen Ästhetik. In der musikalischen Umsetzung durch Leonardo García-Alarcón schwingt eine epische Ruhe, doch fehlt die dynamische Kontrastierung des Barocks. Die Produktion bleibt so in einem Zwischenreich gefangen – zwischen poetischer Verzauberung und einer statisch wirkenden Bühnenausstattung. Trotzdem bietet «Castor et Pollux» an der Oper Genf ein fesselndes Gesamtkunstwerk, das den Geist des Barocks lebendig werden lässt.