Trotz zahlreicher Kontroversen und Vorwürfe wurde Olivier Jornot als Generalstaatsanwalt in Genf wiedergewählt. Seine Wiederwahl am Ende März mit 50,3 Prozent der Stimmen zeigt, dass er eine polarisierende Figur ist: Für die einen verkörpert er den entschlossenen Strafverfolger, für andere einen Machtmenschen mit autoritärem Stil. Pierre Bayenet von der Linken, ebenfalls Staatsanwalt und Untergebener Jornots, versuchte schon 2014 vergeblich, ihn aus dem Amt zu drängen.
Jornot wird in Genf oft als «Sheriff» bezeichnet, ein Titel, den er akzeptiert, wenn damit seine Bereitschaft gemeint ist, auch gegen mächtige Politiker vorzugehen. So leitete er Ermittlungen gegen Staatsrat Pierre Maudet, der 2015 mit seiner Familie nach Abu Dhabi reiste und ein finanziertes Formel-1-Grand-Prix-Ticket erhielt.
Murat Alder, Anwalt und FDP-Grossrat, lobte Jornot als Schlüsselfigur bei der Vereinbarung über die gemeinsame Strafrechtspolitik von Staatsanwaltschaft und Regierungsrat. Diese habe zur Senkung der Einbruchszahlen sowie zur Verbesserung der Betreuung von Gewaltopfern beigetragen. Im Gegensatz dazu sieht Dilara Bayrak, Anwältin und grüne Grossrätin, die auf Opferschutz spezialisiert ist, keine wesentlichen Fortschritte in diesem Bereich.
Kritiker bemängeln Jornots autoritären Führungsstil und seine übermäßig vertikale Machtstruktur. Cyril Mizrahi von der SP spricht von einem «veralteten Stil» und einer «absolutistischen Machtanschauung». Auch die hohe Fluktuation unter den Staatsanwälten wird Jornots als wenig umgänglichem Verhalten zugeschrieben.
Die Härte gegenüber Kleinkriminellen und sozial Randständigen steht ebenfalls in der Kritik. Genf hat überdurchschnittlich viele Insassen pro Bevölkerungszahl. Jornot argumentiert, dass Strenge für das Amt unerlässlich sei und die Bürgerinnen und Bürger ein Anrecht auf Gesetzesanwendung haben.
Das Amt des Generalstaatsanwalts hat in Genf eine politische Dimension, da er vom Volk gewählt wird. Bayrak bemängelt Jornots Vorsprung in Gremien durch seine umfassende Präsenz. Im Wahlkampf bestreitet Jornot jedoch, über große Macht zu verfügen; er sei vor allem das Gesicht der Staatsanwaltschaft und sorge für Koordination mit der Politik.
Die Stellung des Generalstaatsanwalts wird durch die neue Regelung eingeschränkt, wonach die Präsidentschaft der Justiz jährlich zwischen ihm und dem Obergerichts-Präsidenten wechselt. Jornot plant in seiner neuen Amtszeit eine Fortsetzung seiner «entschlossenen Strafpolitik unter Achtung der Menschenrechte» mit Fokus auf Digitalisierung, Cyberkriminalität und Gewalt gegen Frauen.
Jornot ist seit 2012 an der Spitze der Staatsanwaltschaft. Trotz seines Engagements gab es Rückschläge: Eine Bewerbung um die Nachfolge von Bundesanwalt Michael Lauber scheiterte 2020, da seine charakterliche Eignung und Vorwürfe über grenzüberschreitendes Verhalten gegenüber Frauen kritisiert wurden. Zudem wurde er für sein Verhalten bei einem Fest gerügt.
Aktuell steht er unter Druck wegen rechtswidriger Abhörprotokolle in einem Fall von Immobilienbetrug, der zur Annullierung von Ermittlungen und Urteilen führte. Die Staatsanwaltschaft wird die Untersuchungen neu aufnehmen.