Der Begriff “hangry” – eine Kombination aus hungernd und ärgerlich – trifft den Zustand präzise. Dieser kann sowohl für die betroffene Person als auch für deren Umfeld schwer auszuhalten sein, ist biologisch jedoch ein lebenswichtiger Mechanismus. In der Gesundheitskolumne “Hauptsache, gesund” wird das Phänomen erörtert.
Vielleicht liegt es an der Fastenzeit: Viele scheinen aktuell schneller gereizt zu sein und weniger Geduld aufzubringen. Dies könnte durch reduzierte Essensmengen oder den Verzicht auf bestimmte Mahlzeiten bedingt sein, sei es aus religiösen Gründen oder um Gewicht zu verlieren. Hunger führt bekanntlich dazu, dass wir ungeduldiger und nervöser werden.
Ich kann die Unzufriedenen verstehen, auch wenn ich nicht faste. Anstrengende Tage oder lange Touren machen es oft unmöglich, regelmäßig etwas zu essen. Meine Familie weiß: Eine hungrige Stephanie ist eine mühsame Begleitung.
Das Phänomen des Hangry-Seins ist nicht nur menschlich. Auch Tiere reagieren abweisend oder sogar aggressiv bei Nahrungsmangel – ein evolutionär sinnvoller Reflex. Der Körper sendet Alarm: “Suche dringend Futter” und schaffe es vor anderen.
Sich zu ernähren, ist eine wesentliche Aufgabe des Organismus. Hunger entsteht durch fein abgestimmte Prozesse zwischen Verdauungstrakt und Gehirn. Die Hormone, die den Hunger auslösen, beeinflussen auch emotionale Reaktionen.
Bei leerem Magen wird das Hormon Ghrelin produziert, welches das Hungergefühl im Gehirn aktiviert und die Aggression steigert. Gleichzeitig sinkt die Serotoninproduktion, was Heisshunger und impulsives Verhalten verstärkt. Der Blutzuckerspiegel fällt, der Insulinspiegel sinkt, woraufhin das Gehirn Adrenalin und Cortisol ausschüttet – dies mobilisiert Kalorienreserven und aktiviert den Stressmodus.
Ein Experiment zeigte einst die Verknüpfung zwischen niedrigem Blutzuckerspiegel und erhöhter Aggressivität: Je geringer der Blutzucker, desto mehr Nadelstiche setzte eine Person in eine Voodoo-Puppe ihres Partners. Ich habe mich in den letzten Jahren daran gewöhnt, rechtzeitig vor einer Hangry-Attacke etwas zu essen – sei es eine Handvoll Nüsse oder eine Banane.
Familie und Freunde erkennen die Anzeichen von Hungeraggression besser und helfen oft sanft. Vielleicht ist die aktuelle Anspannung auch auf die weltweite Lage zurückzuführen, gegen die wir uns mit einer kleinen Leckerei wie einer Zimtschnecke kurzzeitig wehren können.
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