In beiden Ländern haben autoritäre Regime Widerstandsbewegungen hervorgerufen. Die iranische Opposition strebt einen demokratischen Wechsel an, während die russische Bewegung von unterschiedlichen moralischen Vorstellungen geprägt ist.
Es mag paradox erscheinen, doch die Mentalität der Menschen im heutigen Iran entspricht westlichen Werten eher als jene der Russen. Die iranische Opposition besteht größtenteils aus Idealisten, die sich ein normales demokratisches Land nach westlichem Vorbild mit eigenen kulturellen Besonderheiten wünschen. Doch könnten diese Besonderheiten auch Eigenheiten Irans sein, die eine Demokratie nach westlicher Art behindern?
Die iranische Opposition ist bereit, Traditionen für das Ziel eines demokratischen Wandels zu überwinden oder gar zu ignorieren, während die Stärke des Regimes gerade in der ideologischen Zentrierung iranischer Traditionen liegt. Für die Opposition stellt das aktuelle Regime einen absoluten Tiefpunkt dar – grausam und irrational.
Die wirtschaftliche Krise und der Zusammenbruch des Rial haben den Widerstand im Basar verstärkt, ein Symbol für den nationalen Kapitalismus in einem Handelsland wie Iran. Unter dem Schah war Westliches schon lange verfügbar, doch die Ayatollahs führten zu brutaler Despotie.
Während meines Aufenthalts in Iran Mitte der 2010er Jahre empfand ich die iranische Intelligenzija als Vertreterin von Freiheit und Menschenrechten. Universitätsprofessoren, Studenten und Künstler schienen Teil einer politischen Bewegung zu sein, die westliche Werte angenommen hatte.
Repressionen sind in Iran präsent, wie ich bei der Übersetzung eines Romans erlebte. Im Gegensatz dazu war Russland nie eine Handelsnation mit starkem Unternehmergeist, sondern eine bäuerliche Gesellschaft, die Arbeit als Zwang sah.
Nach 1917 schloss sich das “Fenster nach Europa” unter Stalin weit zu. Während Perestroika entstand zwar eine neue Klasse von Geschäftsleuten, doch ihr Einfluss auf die Bevölkerung war gering. Putin konnte das Volk davon überzeugen, dass der Westen Russland beherrschen wolle.
Trotzdem gibt es in Russland eine gebildete Schicht, die sich als Teil Europas versteht. Unter Putin existieren Oppositionelle und Dissidenten, die westlichen Werten anhängen – ähnlich den iranischen Revoluzzern, obwohl sie politisch eher rechts stehen.
Die russische Opposition ist jedoch mehr eine moralisch-emotionale Bewegung ohne einheitliche Ziele. Sie ist zerrissen und wird von Putins Anhängern unterdrückt. In der Emigration sind die Gruppen unversöhnlich, im Gegensatz zur iranischen Einigkeit.
Auch in Iran gibt es Differenzen innerhalb der Opposition, aber sie zeigt eine höhere Bereitschaft zu Opfern für ihre Sache und hat sich bereits mehrfach offen gegen das Regime gestellt. Putins Machenschaften haben öffentliche Proteste blutig niedergeschlagen.
Iranische und russische Oppositionen eint die Ablehnung der Diktatur, doch während Iraner eine klare politische Zukunft anstreben, träumen Russen noch von moralischen Idealen – ein “Kommunismus”, der heute nicht mehr realisierbar scheint.