Filmemacher Jos de Putter hat in seiner Karriere als Dokumentarist den Globus zwanzig Mal umrundet. Nach drei Jahrzehnten zieht er eine kritische Bilanz: Es stellt sich die Frage, ob seine Werke genügend Wirkung entfalten, um einen so bedeutenden ökologischen Fußabdruck zu rechtfertigen. Er hinterfragt auch, ob das Reisen nicht selbst als Ausbeutung der Natur und der Menschen angesehen werden kann, deren Geschichten er aufgreift.
Infolgedessen beschließt de Putter einen neuen kreativen Ansatz: Er greift in sein Archiv zurück, nutzt bereits vorhandenes Material neu und fügt Aufnahmen von Menschen weltweit hinzu. Dadurch macht der Regisseur seinen ökologischen Anspruch nicht nur zu einem Thema, sondern erfüllt ihn auch durch die filmische Form.
Eine Ausnahme nimmt er für ein Interview mit Karen Armstrong in London auf: Die Religionsphilosophin argumentiert, dass sowohl der Lebensstil als auch das religiöse Verständnis des westlichen Menschen überdacht werden sollten. Sie plädiert dafür, die Natur wieder als heilig zu betrachten – eine Sichtweise, die vielen indigenen Kulturen erhalten geblieben ist und dem westlichen Menschen im Zuge der Entwicklung des Monotheismus verloren ging.
Armstrongs Ideen bereichern den Film erheblich und integrieren Geschichten aus verschiedenen Kontinenten zu einer umfassenden Erzählung über die Bewahrung unseres Planeten. Durch ihre Reflexion erhält die komplexe Narration des Films eine neue Kohärenz, wobei sie sich entlang der These entwickelt, dass die ökologische Krise begann, als sich der Mensch von einem mystischen Gottesbild entfernte und bis ins Herz monotheistischer Denkmuster vorstößt.
Ein abstraktes Göttlichkeitskonzept fördere demnach die Entfremdung des Menschen von seiner Verantwortung für die Natur, so die implizite Kritik. Mit seinem Werk hinterfragt Jos de Putter tief verwurzelte kulturelle und religiöse Auffassungen.
“Die Heimkehr oder Du sollst nicht stehlen” ist im Stream auf Play SRF am 18. Juli 2026 abrufbar. Der Film bleibt dabei erstaunlich zugänglich: De Putter startet seine intellektuelle Reise in seiner eigenen Lebenswirklichkeit und kehrt dort auch wieder zurück. Besonders berührend sind die Momente, in denen einfache Erzählungen – wie die eines Esels, der stets den Weg nach Hause findet – zu Spiegelbildern unserer hektischen Gegenwart werden.
Die dokumentarischen Szenen aus drei Jahrzehnten und eine oft poetische Off-Stimme schaffen eine ruhige, reflektierende Atmosphäre. Der Film ist nicht laut, hinterlässt aber nachhaltig Eindruck, da er die unbequeme Frage aufwirft: Was braucht es wirklich, um das Verhalten zu ändern und vielleicht wieder näher an sich selbst heranzukommen?
De Putter nimmt sein Publikum mit auf eine stilistisch konsistente und intellektuell ansprechende Reise, die in der europäischen Realität verwurzelt ist. Sein persönliches Fernbleiben vom Reisen macht den Film zu einem überzeugenden und konsequenten Beispiel dafür, dass komplexe Erzählungen mit reduzierten Mitteln erfolgreich umgesetzt werden können. Gerade durch seine Beschränkung erhebt sich der Film zum Meisterwerk.
SRF 1, Sternstunde Religion, 19.4.2026, 10:00 Uhr