Psychische Störungen wie Depressionen, Angstzustände oder Schizophrenie beeinflussen das Essverhalten und werden ihrerseits durch eine schlechte Ernährung verschlimmert. Die Psychiatrie erkennt zunehmend diese Wechselwirkungen an und entwickelt daraufhin neue Behandlungsansätze.
Psychische Erkrankungen können den Alltag empfindlich stören, was zu beruflichen Problemen oder häufigeren Streitigkeiten in der Familie führt. Besonders stark betroffen ist jedoch das Essverhalten: Einige Patienten verlieren ihren Appetit, während andere unter Essanfällen leiden, wie die Zürcher Gesundheitspsychologin Sonja Mötteli berichtet. Diese Veränderungen sind auch bei Menschen mit Depressionen, Angstzuständen oder bipolarer Störung zu beobachten.
Studien zeigen, dass sechs von zehn Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen an Übergewicht leiden und rund ein Drittel ein Risiko für Nährstoffmängel aufweisen. Zudem haben psychisch erkrankte Menschen häufiger körperliche Beschwerden wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
In Zusammenarbeit mit dem Psychiater Florian Hotzy hat Sonja Mötteli an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich eine ernährungspsychiatrische Sprechstunde eingerichtet. Dies reagiert auf den Wunsch von 80 Prozent der Patienten, Ernährungsthemen in die Behandlung zu integrieren.
Seit Januar 2026 untersuchen Mötteli, Hotzy und ihr Team Gewicht, Ernährungsverhalten und psychischen Zustand ihrer Patienten. Ihre Untersuchungen bestätigen immer wieder: Die Ernährung beeinflusst das seelische Wohlbefinden signifikant.
Eine Übersichtsarbeit mit Daten aus 123 Studien legt nahe, dass eine hohe Aufnahme von hochverarbeiteten Lebensmitteln mit Angsterkrankungen und Depressionen korreliert. Ob die Ernährung oder die psychische Störung zuerst auftritt, lässt sich jedoch nicht abschließend klären.
Forscher vermuten, dass das schlechte Nährstoffprofil solcher Lebensmittel den Stoffwechsel stören und dadurch im Gehirn Fehlfunktionen auslösen kann. Hotzy vergleicht die Bedeutung der Ernährung mit anderen Risikofaktoren wie Schlafmangel oder mangelnde soziale Kontakte.
Studien unterstützen den positiven Effekt einer mediterranen Ernährungsweise auf psychische Beschwerden. Diese Diät fördert gesündere Darmbakterien und beugt Entzündungen vor, was das seelische Wohlbefinden verbessern kann.
Psychisch erkrankte Menschen verlieren oft ihren Tagesrhythmus und Mahlzeitenstruktur. Schnelllebigkeit und Medikamentennebenwirkungen verstärken diese Probleme, wie Mötteli erklärt.
Einige psychiatrische Kliniken integrieren nun Ernährungsberater in die Behandlung und bieten Gruppentherapien zum Thema Essen an. Mötteli und Hotzy helfen ihren Patienten dabei, Medikamente anzupassen oder Nahrungsergänzungen zu verschreiben, um Mangelerscheinungen entgegenzuwirken.
Es geht auch darum, verhaltenstherapeutische Unterstützung zu leisten. Viele Menschen wissen zwar, was eine gesunde Ernährung ausmacht, benötigen aber Hilfe bei der Umsetzung. Mötteli und Hotzy arbeiten mit Patienten an erlernten Essmustern auf.
Emotionales Essen ist ein häufiges Phänomen: Unter Stress oder Frustration greifen Menschen zu Süßigkeiten, was zu einem Teufelskreis aus Gewichtszunahme und psychischen Problemen führen kann. Mötteli berichtet von einer Lehrerin mit Depressionen und Borderline-Persönlichkeitsstörung, die in ihrer Behandlung lernte, Emotionen anders als durch Essen zu regulieren.
Das Verständnis für die Verbindung zwischen Ernährung und psychischem Wohlbefinden stärkt das Selbstbewusstsein der Patienten. Hotzy betont, dass Menschen dadurch lernen, aktiv Einfluss auf ihre psychische Gesundheit durch bewusste Essgewohnheiten zu nehmen.