Forscher haben in einer neuen Studie erstmals 500 Genvarianten identifiziert, die sich in den vergangenen 10.000 Jahren deutlich häufiger oder seltener zeigen. Diese Entdeckung wirft neue Fragen über die jüngste evolutionäre Entwicklung des Menschen auf.
Während der Mensch bereits vor Hunderttausenden von Jahren grundlegende Fortschritte wie den aufrechten Gang und komplexe Sprachfähigkeiten erlangte, deutet diese Studie darauf hin, dass Evolution auch in jüngerer Vergangenheit weiter stattfindet. Bislang hatten Wissenschaftler nur 21 Genvarianten nachgewiesen, die seit der letzten Eiszeit durch natürliche Selektion an Häufigkeit gewonnen oder verloren haben, darunter solche für helle Hautfarbe und Milchverträglichkeit im Erwachsenenalter.
Das Team um den Harvard-Genetiker David Reich analysierte DNA aus Knochen von 16.000 historischen Menschen, wodurch sie fast 500 Genvarianten entdeckten, die in den letzten zehntausend Jahren evolutionär bedeutsam waren. Ihre Ergebnisse wurden im Fachjournal «Nature» veröffentlicht.
Die Forscher sammelten DNA-Proben von 10.000 Menschen aus Europa und dem Nahen Osten über sieben Jahre hinweg, mit Unterstützung von mehr als 250 Archäologen und Anthropologen. Sie entwickelten eine neue Methode, um zwischen tatsächlicher Selektion und anderen Einflüssen auf die Häufigkeit verschiedener Gene zu unterscheiden.
Besonders während der Bronzezeit wurde eine starke Selektion an Genvarianten festgestellt, die mit Stoffwechsel und Immunsystem in Verbindung stehen. Dies könnte mit den veränderten Lebensweisen durch Landwirtschaft und das Zusammenleben mit Tieren zusammenhängen.
Eine überraschende Entdeckung ist eine zunehmende Häufigkeit einer Genvariante, die zur Zöliakie beiträgt. Diese Erkrankung scheint paradoxerweise trotz ihrer negativen Auswirkungen auf den Menschen in den letzten 4000 Jahren verbreiteter geworden zu sein.
Unklar bleibt auch der Grund für das Aufkommen der Blutgruppe B und den Rückgang einer Genvariante, die männlichen Haarausfall begünstigt. Die Bedeutung vieler weiterer identifizierter Varianten ist noch unbekannt.
Die Forschung zeigt: Der evolutionäre Prozess des Menschen ist noch immer im Gange, mit vielen offenen Fragen zur Rolle genetischer Veränderungen in der menschlichen Entwicklung.