Im unterirdischen Raum eines ehemaligen Güterbahnhofs in Thun wird der hinduistische Gottesdienst abgehalten. Jeden Freitagabend steigen Gläubige die Treppe hinunter, um neben Gleisen und Güterwagen ihre Rituale zu verrichten. Trotz des Frühlings im Freien sind dicke Daunenjacken notwendig; der Raum ist eisig kalt. Vor einem Jahr befand sich der Sri-Varasiththi-Vinaayagar-Hindu-Tempel in einer alten Tuchfabrik in Steffisburg, umgeben von hohen Decken und grosszügigen Fenstern. Nach dem Brand des Gebäudes mussten die Hindus jedoch eine neue Bleibe finden. Seit einem Jahr mieten sie nun den Lagerraum in Thun, eingefasst von verrosteten Fahrrädern und alten Möbeln. Trotz der kalten Muffigkeit im Keller überwiegt der Duft der Räucherstäbchen. Der frühere Tempel maß 150 Quadratmeter, doch nun sind es nur noch bescheidene 15 Quadratmeter – ohne Heizung und Belüftung. Tamilische Vereine in der Schweiz, die solche Tempel betreiben, stoßen bei der Suche nach passenden Räumlichkeiten oft an finanzielle Grenzen. In einem Land mit rund 60.000 bis 70.000 Hindus, überwiegend Tamilen aus dem Bürgerkriegsflüchtlingsterror Sri Lankas in den 1980er Jahren, sind solche Tempel zentral für die Bewahrung kultureller Identität. Im Thuner Keller ist der Eingang von einem goldenen Rahmen geziert. Farbenfrohe Stoffe und Teppiche schmücken den Raum, wo Ganesha, der Gott mit dem Elefantenkopf, im Mittelpunkt steht. Die Vorbereitungen für die Puja finden in stiller Gemeinschaft statt: Essen wird aufgestellt, Früchte verteilt, und Kerzenständer bereitgelegt. Priester Sivasri Rathinadas Sri Ganesh kommt aus Wetzikon Zürich, um wöchentlich den Gottesdienst zu leiten. In einer Familie von Priestern in Sri Lanka aufgewachsen, folgt er der Tradition ohne formale Ausbildung. Er unterstützt auch andere Tempel ehrenamtlich. Der Hinduismus, die drittgrößte Weltreligion, verehrt eine Vielzahl von Göttern und sieht das Göttliche im Universum. In den 1990er Jahren gründeten tamilische Hindus in der Schweiz ihre ersten Vereine. Dr. Satish Joshi, Präsident des Dachverbandes für Hinduismus, betont die Bedeutung dieser Tempel als Gemeinschaftszentren. Shadsan Vadivelu, Sohn des Gründers des Thuner Tempels, erklärt, dass der Verein nach dem Brand dringend eine neue Bleibe brauchte. Trotz anfänglicher Hoffnung auf geeignete Räume blieb die Suche erfolglos. Der Provisoriumskeller bietet wenig Platz und Komfort, besonders bei großen Feiertagen. Dennoch schafft es der Raum, durch die Zeremonien eine meditative Atmosphäre zu erzeugen. Die Mitglieder des Sri-Varasiththi-Vinaayagar-Hindu-Tempels vermissen jedoch den sozialen Austausch und die Möglichkeit, gemeinsam Rituale zu vollziehen. Ohne baldige Lösung droht der Niedergang ihrer Gemeinschaft und damit das langsame Verbleichen ihrer Kultur.