Von Magdalena Leitner
Das einst als «Verbrechen» betrachtete Luzerner Krematorium feiert sein 100-jähriges Bestehen und erlebt eine kulturelle Renaissance. Der historische Ort zieht nun Musikerinnen an, um seine Akustik zu nutzen.
Am Mittwoch und Donnerstag, den 15. und 16. April, wird das Forum Neue Musik Luzern (FNML) die Verbrennungsanlage für ein musikalisches Event nutzen. Das Forum verspricht, zwischen begehbarer Musik und radikalen Solostücken eine «intensive Hörerfahrung» zu schaffen, die «Grenzen auslotet». Wo früher Leichen verbrannt wurden, gibt es heute Konzerte, Theateraufführungen und Events. Das ehemalige Krematorium hat eine neue Rolle gefunden.
Das Projekt startet am Mittwoch um 20 Uhr mit einer begehbaren Klanginstallation. Am Donnerstag folgen zwei Konzerte: Etienne Nillesen präsentiert um 19 Uhr ein Solo auf der kleinen Trommel des Schlagzeugs – der «Snare Drum». Danach musiziert Verena Barié mit einer elektronisch modifizierten Blockflöte.
Die Geschäftsleiterin des Forums erklärt die Wahl des Krematoriums: «Unser Interesse galt dem Raum und seiner einzigartigen Akustik, insbesondere dem Flatter-Echo.» Hinzu kommt das Jubiläum zum hundertsten Bestehen.
Früher als «Verbrechen» betrachtet
Die Kremation war in Luzern lange umstritten. 1881 wurde beim neuen Friedhof Friedental ein Krematorium geplant, scheiterte jedoch am Widerstand der Bevölkerung. Die katholische Kirche verbot 1886 die Feuerbestattung als «Verbrechen» gegen Menschheit, Sittlichkeit und Gerechtigkeit.
Trotz des Verbots gründete sich 1905 ein Feuerbestattungsverein – die Genossenschaft Luzerner Feuerbestattung. Es entbrannte ein jahrelanger Streit zwischen der liberalen Stadtregierung und dem konservativen Kanton, der bis vor das Bundesgericht führte.
1922 genehmigte der Luzerner Stadtrat den Bau eines Krematoriums am Friedhof Friedental. Der Architekt Albert Froelich entwarf die Anlage. Unter anderem von ihm stammen auch die Krematorien in Zürich und Aarau.
Der erste Eingeäscherte war der Nobelpreisträger Carl Spitteler, gebürtiger Schweizer und Literaturpreisträger. Von 1892 bis zu seinem Tod 1924 lebte er in Luzern und wurde dort eingeäschert, noch bevor das Krematorium offiziell eingeweiht war.
In den 1960er Jahren wurde das alte Krematorium vergrößert und modernisiert. Die katholische Kirche hob erst in diesem Jahrzehnt das Verbot der Feuerbestattung auf.
Neues Krematorium macht altes überflüssig
Strengere Vorgaben zur Luftqualität führten zum Bau eines neuen, topmodernen Krematoriums 2005. Dieses liegt rund 100 Meter neben dem Alten und verfügt über erdgasbetriebene Ofenlinien mit Rauchgasreinigung.
Die Stadt Luzern kaufte das alte Krematorium 2022 auf, um es zu beleben. Die Umnutzung als Kulturgut von nationaler Bedeutung unterliegt jedoch strengen Auflagen. In den vergangenen Jahren scheiterten Projekte teilweise an solchen Vorgaben oder komplizierten Eigentumsverhältnissen.
Die Bevölkerung musste sich zunächst an neue Nutzungen gewöhnen, wie der Leiter der Stadtgärtnerei vermutete. Heute sind kulturelle Veranstaltungen gut angekommen und fanden positive Resonanz.
Ab dem 30. April ist auf dem Friedhof Friedental die Ausstellung «Frieden im Tal» zu sehen. Spezielle Orte gehören bereits seit Jahren zum Konzept des Forums, das auch in der Vergangenheit Veranstaltungen an ungewöhnlichen Orten durchführte.
Weitere Projekte sind derzeit nicht geplant, aber die Stadt begrüßt die aktuelle Nutzung. Ob das Krematorium bald wieder bespielt wird, bleibt offen.