Der genferische Immobilienmarkt erlebt eine Trendwende, die bereits in der Zürcher Region beobachtet wurde. Mietern droht der Verlust ihrer Wohnungen durch neue Eigentümer, die ihre Liegenschaften für Renovierungsarbeiten und folgende massive Mieterhöhungen räumen lassen. Christian Dandrès, SP-Nationalrat und Jurist beim Schweizerischen Mieterverband, stellt fest: «Diese Gruppen kaufen Immobilien zu astronomischen Preisen und vertrieben die Bewohner, um Mieten von bis zu 3000 oder 4000 Franken pro Monat durchzusetzen.» Diese Praxis sei aus der Deutschschweiz bekannt und macht nun auch in der Romandie Fortschritte, so Dandrès.
Ein aktuelles Beispiel ist Micheline Lagarde. «Ich dachte, ich wäre lieber möglichst schnell gestorben», erinnert sich die 92-Jährige an den Moment, als sie kurz vor Weihnachten einen Kündigungsbrief von der neuen Hausverwaltung bekam.
Im Frühjahr 2025 erwarb eine Immobilienfirma das Gebäude an der Rue Butini für 14 Millionen Franken. Lagarde, die seit 53 Jahren dort lebt, muss nun zusammen mit den anderen Mietern ausziehen. Der Grund: geplante Renovierungsarbeiten und ein geplanter Anbau des Gebäudes. Doch Lagarde vermutet andere Motive dahinter: «Die aktuellen Mieten sind fair. Nach der Renovation werden sie meiner Ansicht nach verdoppelt oder sogar verdreifacht.»
RTS dokumentiert mehrere Fälle, in denen Genfer Immobilien den Besitzer wechselten und darauf Massenkündigungen folgten (siehe Karte).
Ein besonders aufsehenerregender Fall ist ein Haus am Boulevard Carl Vogt. 2020 erwarb die Pensionskasse der Stadt Basel das Gebäude mit 107 Wohnungen für 128,5 Millionen Franken. Fünf Jahre später mussten zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner ausziehen.
Um mehr als drei Prozent Rendite auf diese Investition zu erzielen, müsste die Käuferin Mieten von bis zu 4000 Franken pro Monat verlangen. Laut dem eidgenössischen Gebäuderegister handelt es sich hauptsächlich um 1- und 2-Zimmer-Wohnungen zwischen 33 und 57 Quadratmetern.
Die Immobilienverwaltungs-Firma Naef, für das Gebäude verantwortlich, bestritt auf Anfrage des RTS jegliche Spekulation als Grund. «Nach der Renovation werden die Mieten gemäß den gesetzlichen Bestimmungen festgelegt», erklärte sie.
Ein Gutachten deutet darauf hin, dass es gefährlich wäre, das Gebäude während der Arbeiten bewohnen zu lassen. Rafaella Willig vom Mieterverband ist skeptisch: «Die geplanten Renovationen entsprechen anderen Bauprojekten, bei denen Bewohner im Haus bleiben. Hier dient die Renovierung als Vorwand für eine Leerung und anschließende Mietsteigerungen.»
Der Mieterverband gibt an, dass die Rue Butini 13 kein Einzelfall ist. Mehr als ein Dutzend Gebäude in Genf seien von Massenkündigungen betroffen – oft erfolgen diese sogar noch bevor ein Baugesuch eingereicht wurde.
Yvan Ballif, Präsident der USPI-Sektion in Genf, sieht die Ursache in den strengen Regulierungen des Immobilienmarkts. «Eigentümer müssen umfangreiche Arbeiten durchführen und Normen einhalten», so seine Erklärung. Die Kündigungen seien notwendig, um den genferischen Wohnungsbestand zu erhalten.
Nationalrat Dandrès fordert politische Maßnahmen: «Das passiert, wenn die Schutzinstrumente für Mieter nicht angemessen eingesetzt werden.» Der Staat habe die Mittel, solche Praktiken zu verhindern, so sein Plädoyer.