Im Jahr 1871 erlebte Paris eine Zeit voller Konflikte, die gleichzeitig den Impressionismus hervorbrachten. Sebastian Smee versucht in seinem Buch, diese Epoche zu beleuchten.
Émile Zola beschreibt in seinem Roman «Der Bauch von Paris» mit Worten ein Gemälde im impressionistischen Stil, ähnlich den Werken von Gustave Caillebotte und Claude Monet. «Das Motiv ist mir egal», erklärte Monet einmal gegenüber dem Kritiker Louis Leroy, der sein Werk «Soleil levant» als kindliches Tapetenmuster verspottet hatte. Hinter dem Spott stand die Ablehnung für Kunstwerke, die nicht mehr mythologische oder historische Themen behandelten.
Mary Beard argumentierte jüngst, dass viele Kunstwerke ohne Kenntnis der Bibel, Mythologie oder römischen Kaiser belanglos erscheinen. Doch diese Sichtweise sei ein Missverständnis, wie Smees Buch «Paris im Aufruhr» zeigt, dessen Übersetzung und Untertitel die englische Originalfassung «The Siege, the Commune and the Birth of ‹Impressionism›» leicht verändern.
Smee argumentiert, dass der Impressionismus keineswegs unpolitisch sei. Künstler wie Édouard Manet oder Berthe Morisot erlebten das «schreckliche Jahr», den Zeitraum zwischen Spätsommer 1870 und Frühsommer 1871, intensiv mit. Victor Hugo bezeichnete diese Periode als «L’Année terrible».
Sebastian Smee erzählt in seinem Buch von der Belagerung Pariser durch die Deutschen nach der Niederlage Napoleons III. gegen Bismarck und der darauffolgenden Pariser Kommune, bei der es um eine freie Stadtregierung ging. Der Aufstand endete im Mai 1871 mit einem Massaker.
Im letzten Buchteil interpretiert Smee den Impressionismus als Reaktion auf die doppelte Zerstörung von Paris durch deutsche Kanonen und die inneren Konflikte. Die impressionistischen Landschaften reflektieren das Bewusstsein der Vergänglichkeit, das im «schrecklichen Jahr» entstand.
Im Fokus stehen dabei nicht nur Claude Monet, sondern auch Édouard Manet und Berthe Morisot mit ihrer verbotenen Liebesgeschichte. Die impressionistische Malerei, so Smee, sei mehr als ein ästhetisches Konzept – sie sei eine Reaktion auf schreckliche Erfahrungen. Der Kern dieser Kunstwerke liegt in der Herausforderung, das darin verborgene emotionale Echo zu erkennen.
Sebastian Smee: «Paris im Aufruhr. Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus». Insel-Verlag, Berlin 2025. 494 S., Fr. 44.90.