Im Gegensatz zu Deutschland, wo Behörden regelmäßig die Bevölkerung bei Ermittlungen um Hilfe bitten und sogar nach vermeintlichen ehemaligen RAF-Terroristen suchen, ist die Schweiz deutlich vorsichtiger. Die dortigen Behörden befürchten eine Vorverurteilung der Betroffenen und sehen auch Gefahren darin, dass Täter sich in der Öffentlichkeit erkannt fühlen könnten. Deutsche Fahndungsaufrufe warnen daher: «Vorsicht: Bitte nicht an die gesuchten Personen herantreten, sie könnten bewaffnet sein!» Senad Sakic von der Kriminalpolizei des Kantons Nidwalden erklärt: «In der Schweiz haben Persönlichkeitsrechte einen hohen Stellenwert.» Die Nennung von Verdächtigen sei problematisch, und aufgrund der geringen Größe des Landes würden Polizei und Staatsanwaltschaft Informationen zu Straftaten äußerst sorgfältig abwägen. Dennoch gab Sakic im vergangenen Jahr in einem «Cold Case» – dem 2014 geschehenen Mord an einer bulgarischen Strassenprostituierten – Hinweise an die Sendung «Aktenzeichen XY … Ungelöst». Die Beteiligung des Schweizer Fernsehens an dieser Sendereihe endete 2003, da die Themen kaum noch einen Bezug zur Schweiz hatten. Am 26. März 2025 beteiligte sich SRF jedoch erneut, wobei evaluiert wird, ob weitere Einzelveranstaltungen möglich sind. Sakic begründet seinen Schritt mit ausgeschöpften Ermittlungsansätzen und dem Ziel, Erinnerungen zu aktivieren. Mit der Zeit ändern sich Loyalitäten; Hemmschwellen sinken. So könnte die Drohkulisse eines Zuhälters nach einer Dekade an Wirksamkeit verloren haben. Im Ausland ist es vorgekommen, dass Ehefrauen nach einer Trennung ein falsches Alibi für ihren Mann gestanden haben. Auch Pensionierte sind möglicherweise bereit, gegen ehemalige Arbeitgeber auszusagen. Sakic betont, dass der öffentliche Druck auf Serientäter gezielt dazu genutzt werden kann, diese zu verunsichern und so zu einem Fehler zu bewegen. Einige Täter mit Persönlichkeitsstörungen beobachten genau die Berichterstattung über ihre Verbrechen und nehmen sogar Kontakt zur Polizei auf. Während öffentliche Aufmerksamkeit bei «Cold Cases» entscheidend sein kann, da diese nur schwer zu lösen sind, obwohl weltweit mehr als 90 Prozent aller Mordfälle aufgeklärt werden, ist der Einbezug der Öffentlichkeit in der Schweiz umstritten. Fast 40 Prozent der Fälle bei «Aktenzeichen XY … Ungelöst» konnten mit öffentlichen Hinweisen gelöst werden. Für den Mordfall in Nidwalden wurden bisher keine Verhaftungen vorgenommen, aber die Polizei erhält weiterhin Tipps. Sakic sieht darin einen enormen Mehrwert und bestätigt, dass gewisse Hypothesen widerlegt werden konnten: «Es hat definitiv was gebracht!» Die gesteigerte Aufmerksamkeit führt laut Sakic auch zu mehr Kritik an den Behörden. Manche möchten sich das wahrscheinlich nicht antun. Er wäre jedoch bereit, es jederzeit wieder zu tun. Jüngst veröffentlichte die Kantonspolizei Bern unverpixelte Bilder von 31 Personen, die mutmaßlich an Ausschreitungen bei einer Palästina-Demonstration im Oktober 2025 beteiligt waren. Dieser Schritt ist umstritten. Sarah Wahlen, Mediensprecherin der Kantonspolizei Bern, erläutert: «Wir betrachten den Einbezug der Öffentlichkeit in öffentlichen Fahndungen als sinnvolles Mittel zur Identifizierung von Tätern schwerer Vergehen.» Dies sei jedoch ein letztes Mittel und bedürfe der Zustimmung der Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau kündigte an, unverpixelte Bilder von Fussball-Chaoten zu veröffentlichen, sollten sich diese nicht bis zum 15. April stellen.