Durch eine Kanüle in ihre Armvene fliessen langsam einige Milliliter Blut von Nicole Probst-Hensch, Epidemiologin am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), in ein Teströhrchen. Heute steht die Gesundheitsforscherin selbst als Versuchsperson im Fokus. Ihr Blut wird auf rund 30 Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS, getestet – nicht um herauszufinden, ob sie welche enthält, sondern um deren Menge zu bestimmen. Unter der Leitung des BAG wurde eine Pilotstudie durchgeführt, bei der in allen 650 Proben PFAS nachgewiesen wurden; 3,6 Prozent lagen über den relevanten Grenzwerten.
Diese beunruhigenden Ergebnisse hätten eigentlich zu einer umfassenderen „Schweizer Gesundheitsstudie“ führen sollen. Mit rund 100’000 Freiwilligen und regelmässigen Blut- und Urinproben über zwei Jahrzehnte hätte diese Langzeitstudie erstmals aussagekräftige Daten darüber geliefert, wie PFAS die Gesundheit beeinflussen. Doch aus Kostengründen wurde das Vorhaben gestoppt – eine Entscheidung, die für Probst-Hensch völlig unverständlich ist: Langzeitstudien sind entscheidend, um langfristige gesundheitliche Auswirkungen zu erfassen.
Ende 2025 wurde die geplante Grossstudie im Rahmen der Budgetdebatte gestrichen. Die jährlichen Kosten von zehn bis zwölf Millionen Franken wurden als zu hoch betrachtet, und der Bund versuchte zunächst, das Projekt im Verborgenen beerdigen zu lassen. Doch nach parlamentarischen Vorstössen kam es zur Abstimmung. Die bürgerliche Mehrheit stimmte fast einhellig für den Sparantrag des Bundesrats. Diese Entscheidung empört Nationalrätin Manuela Weichelt (Grüne/ZG): „Wir schliessen die Augen und Ohren vor der Gesundheit unserer Bevölkerung – eine fahrlässige Politik.“
Andri Silberschmidt (FDP/ZH) hingegen argumentiert, dass das Parlament verpflichtet sei, die Schuldenbremse einzuhalten und deshalb jeden Sparantrag unterstützt habe. Probst-Hensch hätte gerne bei dieser wichtigen Langzeitstudie mitgewirkt, da Forschung zur Gesundheitsüberwachung international relevant ist. PFAS sind in der Umwelt weit verbreitet: im Boden, in Lebensmitteln und sogar in der Luft. Obwohl sie nicht akut giftig sind, können sie sich chronisch anreichern und im menschlichen Körper gesundheitsschädliche Effekte haben.
Einige PFAS sind bereits bekannt für ihre Auswirkungen auf Leber- und Nierenfunktion sowie das Immunsystem. Auch die Fruchtbarkeit kann beeinträchtigt werden, und es besteht ein Krebsrisiko. Da diese „Ewigkeitschemikalien“ kaum abgebaut werden können, sind sie besonders problematisch.
Auch in der Pharmabranche ist über den Stopp der Studie Unmut entstanden. Dominique Werner vom Verband „Scienceindustries“ betont: Langzeitstudien sind entscheidend, um die Wirksamkeit von politischen und industriellen Maßnahmen zu evaluieren.
Ob die Langzeitstudie zu PFAS & Co jemals wieder aufs politische Parkett kommt, bleibt ungewiss. Druck aus der Gesellschaft könnte jedoch notwendig sein, wie Probst-Hensch meint. Nach zehn Tagen und dem erneuten Bluttest zeigt sich auch bei ihr die Präsenz von PFAS – in einer Höhe, die sie selbst überrascht und nachdenklich stimmt.