In der Nachkriegszeit verlagerte sich das Interesse der Linken von den revolutionären Arbeiter- und Studentenbewegungen hin zum islamistischen Spektrum. Das Iran der Mullahs wurde trotz dessen Judenhass als utopisch betrachtet, ein Zustand, der bis heute anhält.
In linken Kreisen manifestiert sich Antisemitismus häufig in einer tief verwurzelten, zunehmend gewalttätigen Ablehnung Israels. Diese Ablehnung wird je nach linker Fraktion entweder antiimperialistisch, antinational oder postkolonial begründet und steht oft im Zusammenhang mit der Sicht auf den politischen Islam, die von Ignoranz bis hin zu Bewunderung reichen kann.
Es ist jedoch ein gravierender Fehler, zu übersehen, dass es innerhalb der Linken auch Kräfte gibt, die Antisemitismus entschieden ablehnen. Eine solche Ausblendung würde eine unzureichende Darstellung der Situation bieten. Innerhalb der linken Traditionen existieren Ansätze, die sich gegen den weit verbreiteten Israel-Hass und die Verklärung des Islams stellen.
Historisch gesehen waren die schärfsten Kritiker des Antisemitismus unter den Linken oft Anhänger der kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 zeigten Teile der linken Antifa Widerstand gegen antiisraelische Demonstrationen, während im akademischen Bereich Autoren aus der Linken aktiv gegen Antisemitismus und die Verharmlosung desselben vorgingen.
Im Kalten Krieg stand der autoritäre Staatssozialismus in relativer Opposition zum Islamismus. Nach der sowjetischen Besetzung Afghanistans kam es zu Konflikten mit militant konservativen islamischen Gruppen. Mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und dem Aufstieg poststrukturalistischer sowie postkolonialer Deutungsmuster seit den 1990ern verbündete sich ein Teil der Linken zunehmend mit islamistischen Bewegungen.
Eine Folge dieser Entwicklung ist die Zusammenarbeit radikaler linker Kräfte mit jihadistisch-islamistischen Gruppen, vor allem in Frankreich und Großbritannien. Dieser Trend wird im französischen Kontext als “islamogauchisme” bezeichnet, während er im Englischen oft als “red-green alliance” benannt wird.
Auch Deutschland ist von diesen Entwicklungen betroffen: Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende der Linken im Deutschen Bundestag, plädierte 2016 für Kooperation mit der Muslimbruderschaft. Linke Persönlichkeiten wie Klaus Lederer haben sich jedoch kritisch zum politischen Islam geäußert und die Partei nach dem Blutbad vom 7. Oktober verlassen.
An westlichen Universitäten wird seit drei Jahrzehnten der Begriff “Islamophobie” eingesetzt, um Kritik an islamisch begründeten Praktiken zu unterbinden. Vertreter des antisemitischen Regimes im Iran versuchen damit ihre Taten gegen Kritik immunisieren. Auch die Organisation für Islamische Zusammenarbeit wehrt sich gegen Kritik an der Scharia als “islamophob”.
Es gibt jedoch auch linke Stimmen, die solche Kampfbegriffe seit drei Jahrzehnten kritisieren. Traditionen einer radikalen Islamkritik bestehen neben dem Trend zur Verharmlosung des Islams und Antisemitismus im linken Spektrum.
Karl Marx bemängelte bereits 1854 die “Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige” im Koran. Max Horkheimer sah im Islam eine ausgeprägte Neigung zu Gewalt und Eroberung, weit entfernt von der Idee einer allgemeinen Menschheitsemanzipation.
Selbst unter israelischen “Antizionisten” gibt es Ausnahmen zur gängigen Linken-Islamverharmlosung. Akiva Orr erklärte das Schweigen der Atheisten zum Islam als Kapitulation. Die Situationistische Internationale unterstützte irakische Aktivisten, die den Koran in Bagdad verbrannten.
Viele europäische Linksradikale hatten lange Illusionen über die islamische Revolution 1979 im Iran. In der Zeitschrift “Khamsin” erschienen scharfe Kritiken an dieser Entwicklung, darunter von Aktivisten und Marxisten wie Sadik al-Azm.
Eine Auseinandersetzung mit linkem Antisemitismus und “islamogauchisme” sollte nicht als Vorwand für eine generelle Abrechnung mit der Linken dienen. Es geht darum, potenzielle Bündnispartner innerhalb des linken Spektrums zu identifizieren, die sich gegen den linken Israel-Hass und die Verbrüderung mit Islamisten stellen.