Wilhelm Droste, ein deutscher Autor und Übersetzer, lebt seit fast vier Jahrzehnten in Budapest. Dort betreibt er das Kulturcafé “Három Holló/Drei Raben” und gibt die gleichnamige Zeitschrift heraus. Im Gespräch mit SRF beschreibt er den Machtwechsel als historische Chance für Kulturschaffende, sieht aber auch Herausforderungen.
Droste verglich das Gefühl nach dem Wahlsieg von Peter Magyar mit einem Triumph bei der Fussballweltmeisterschaft. In seinem Café feierten die Gäste ausgelassen, umarmten sich und weinten vor Freude. Die Literaten zeigten besonders grosse Begeisterung; viele standen seit jeher im Widerstand gegen Viktor Orban. Ein junger Schriftsteller äußerte jedoch: “Bis jetzt konnte ich meine Probleme auf Orban schieben. Was mache ich nun ohne Feindbild?”
Der Bürgermeister von Budapest, Karacsony Gergely, kündigte an, Andras Schiff eingeladen zu haben, erneut in Ungarn aufzutreten. Schiff habe die Einladung mit Freude angenommen.
Als Verlierer in der Kulturszene sieht Droste die Orban-treuen Amtsinhaber in hohen Positionen von Kulturinstitutionen wie dem Nationaltheater, Radio und Fernsehen sowie Buchverlagen. Diese müssten ersetzt werden, um eine Befreiung von Fidesz zu erreichen. Der Wandel solle jedoch nicht als Rachefeldzug erfolgen, sondern weise und gelassen gestaltet werden. Droste betont: “Es braucht eine echte Systemwende, nichts darf vom Orban-System übrig bleiben, sonst hat Ungarn keine guten Zukunftschancen.”
Was die kulturellen Reformen von Peter Magyar betrifft, so hält sich dieser bedeckt und bietet damit Platz für diverse Strömungen innerhalb seiner Tisza-Bewegung: Linke, Sozialdemokraten, Links- und Rechtsliberale sowie Konservative.
Trotz Magyars Ursprung als Orban-Schüler sieht Droste durch mehrere Gesten nach dem Wahlsieg Anzeichen dafür, dass Magyar widersprechende Stimmen für seinen Reformkurs gewinnen will. In der Wahlnacht hörte Droste ungarisches Radio mit einem sachlichen Ton, was ihm in den letzten 16 Jahren unter Orban nicht begegnet war.
Droste zeigt sich optimistisch über die Zukunft des ungarischen Kulturlebens: “Mein Optimismus ist gross, weil neben der Jugend auch Frauen, die nun 40 Prozent im Parlament stellen, hinter der Tisza-Bewegung stehen. Ich freue mich, dass meine Wahlheimat wieder zum Märchenland wird.” Das Gespräch führte Felix Münger.
Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 17.4.2026, 9:05 Uhr.