Ein grundlegender Mentalitätsunterschied ist die Ursache für das Missverständnis und die massive Wut Italiens gegenüber den hohen medizinischen Rechnungen aus der Schweiz, die nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana entstanden sind.
Es war ein Samstagmittag im Juli vor zwei Jahren in einer ländlichen Region zwischen Umbrien und Marken: Ein Sturz mit schmerzhafter Folge. Die Hand konnte den Aufprall nicht abfangen, der Schmerz war unerträglich. Wie immer in Italien, kamen Nachbarn mit Mitgefühl herbei, brachten Eisbeutel und riefen den Notarzt.
Eine Ambulanz fuhr bald an, um mich mit Sorgfalt ins nahe gelegene Spital von Fabriano zu bringen. Der Ablauf glich dem einer Schweizer Klinik. Sofort wurde ich in die Unfallchirurgie eingewiesen, geleitet von einem jungen Arzt und seiner Assistentin. Nach Röntgenaufnahmen führte der Arzt ein Telefonat mit seinem Vorgesetzten, der bald darauf selbst erschien.
Nach zwei Stunden war mein Bruch erfolgreich versorgt und verbanden, sodass ich entlassen werden konnte. Alle Beteiligten zeigten das italienische Mitgefühl, das in solchen Situationen üblich ist.
In Italien hätte niemand daran gedacht, mir die Kosten für diese medizinische Versorgung in Rechnung zu stellen. Wer ein Unglück hat und medizinisch versorgt werden muss (mit guten oder schlechten Erfahrungen), sollte nicht noch zusätzlich belastet werden. Diese Haltung scheint in Italien weit verbreitet zu sein: Die Allgemeinheit soll bei unverschuldeten Notlagen helfen.
Diese subjektive Wahrnehmung entspricht der Empathie, die nach Unfällen oder Naturkatastrophen regelmäßig auflebt – zumindest kurzfristig. Langfristige Hilfe wird oft durch mangelnde Geduld begrenzt.
Es ist klar, dass diese Ansicht im schroffen Gegensatz zum Schweizer Gesundheitssystem steht, das die Kosten zunächst dem Einzelnen auferlegt. Patienten sollten sich entsprechend versichern.
Aus italienischer Sicht wird dies als Präferenz der Ökonomie gegenüber der Empathie betrachtet und ist die Ursache für das Unverständnis und die Empörung über die hohen Schweizer Krankenhausrechnungen nach Crans-Montana.
Man sollte sich keine Illusionen machen: Diese Wut reicht von Rentnern auf einer Piazza bis hin zur Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, quer durch alle politischen Lager. Vom Bund über den Kanton Wallis bis zum Schweizer Touristen, der bald wieder Italien besucht, sollte man diese Realität beachten, um weitere Empörungswellen zu vermeiden.
Gottlieb F. Höpli war von 1994 bis 2009 Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts».