Mit seiner Neuinszenierung von Damiano Michieletto gewinnt Mozarts spätes Werk «La clemenza di Tito», das politisch heikelste unter seinen Bühnenwerken, durch den jüngsten Anschlagsversuch in Washington an Brisanz. Unverhofft aktuell wurde die Aufführung am Opernhaus Zürich, als kurz zuvor ein Angriff auf US-Präsident Trump versucht wurde. Mozarts Oper thematisiert selbst das vereitelte Attentat auf den römischen Kaiser Titus Vespasianus.
Die ungeplante Aktualität bereichert eine Produktion zwar, kann sie aber auch in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die Realität wirkt oft drastischer als jede künstlerische Adaption. Dies trifft auch auf Michielettos Inszenierung zu, hebt jedoch die Besonderheiten von Mozarts ungewöhnlichem Spätwerk hervor.
«La clemenza di Tito», komponiert 1791 unter Zeitdruck, gilt als ein Musterbeispiel staatlicher Huldigungskunst. Die Uraufführung in Prag feierte die Krönung Leopolds II. zum König von Böhmen und sollte den Kaiser in der Figur des Titus widergespiegelt sehen. Der Freigeist Mozart, der mit diesem Auftragswerk Macht umwarb, ist oft unbeachtet geblieben.
Die Musik selbst bietet Herausforderungen: Mozarts Rückgriff auf die Opera seria und eine sechzig Jahre alte Vorlage erscheint fast als Retro-Look. Die Figuren wirken vor lauter Edelmut wenig theatralisch, was der Regie- und Dirigentenarbeit besonderes Gewicht verleiht.
Michieletto verlegt die Handlung in eine fiktive Diktatur des 20. Jahrhunderts. Paolo Fantins Bühnenbild in Gelb- und Brauntönen erinnert an Amtsstuben der 1960er Jahre, etwa wie in der DDR. Publio, als Geheimdienstchef dargestellt, übernimmt die Macht und Titus wird zu einer Marionette dieser Abteilung.
Der Tenor Pene Pati stellt den Titus als ernsten Humanisten dar. Ein von der Regie eingeführter Handlungsstrang zeigt während der Ouvertüre einen Bombenzünder, was reizvoll und gelegentlich verwirrend mit der Opernhandlung kontrastiert.
Vitellia hasst Titus wegen ihres Vaters angeblicher Schuld und stiftet ihren Geliebten Sesto zum Mord an. Margaux Poguet als Vitellia steht Lea Desandre als Sesto gegenüber, die durch ihre sängerische Präsenz beeindruckt.
Ein perfides Mozart-Paradoxon entsteht: Der herzerwärmende Sänger ist ein potenzieller Mörder. Die Frage nach moralischen Dilemmata bleibt offen, da Michielettos Regie den Geheimdienst wieder aktiviert.
Der Schlussjubel des Opernhauschores verliert so an Wirkung. Marc Minkowski bremst die Musikemphase aus und hebt die Motive der Figuren hervor – eine philosophische Versuchsanordnung, bei diesem anspruchsvollen Thema nicht abwegig.