Während einer Pressekonferenz im Rahmen der Nvidia-Entwicklerveranstaltung in San Jose steht CEO Jensen Huang Rede und Antwort, weit ausführlicher als andere Tech-Vorstände es tun. Er thematisiert dabei auch Nvidias Geschäftsbeziehungen zu China sowie die Frage, ob das Unternehmen beim Inferenz-Trend hinterherhinkt.
Jensen Huang, der Leiter des weltweit wertvollsten Unternehmens, strahlt Optimismus aus: «Unsere Wachstumsraten steigen exponentiell», erklärt er vor einem internationalen Journalistenteam. «Wir erwarten enorme Cashflows.» Diese Aussage hebt seine Vortragserklärung vom Vorabend noch einmal an: Nvidia prognostiziert bis Ende 2027 Umsätze von einer Billion Dollar, ausschließlich durch die Verkäufe der neuen KI-Chips Blackwell und Rubin, so Huang. Berücksichtigt man auch CPUs, Speicherlösungen und den Inferenz-Chip von Groq, könnten die Einnahmen auf 1,25 Billionen Dollar oder mehr ansteigen.
Für Nvidia, das gerade sein umsatzstärkstes Quartal in seiner dreißigjährigen Geschichte erlebt hat, sind das beeindruckende Vorhersagen. Als Marktführer der KI-Revolution profitiert kaum eine Firma stärker von dieser technologischen Welle.
Trotz Huangs positiver Prognosen und neuer Chip-Entwicklungen ist die Aktie von Nvidia in den letzten Tagen um rund 2 Prozent gefallen. Diese Stagnation hält seit Monaten an, trotz eines generell hohen Niveaus. Anleger sind besorgt über mögliche Amortisationsprobleme bei den Milliardeninvestitionen in KI-Infrastrukturen, potenzielle Lieferkettenstörungen durch Konflikte im Nahen Osten sowie die Möglichkeit, dass sich der KI-Trend als Blase entpuppt.
Am selben Nachmittag ist Huang jedoch bester Laune. Die Entwicklerkonferenz gilt als wichtigster jährlicher Event seines Unternehmens und er ist der Star des Geschehens. Er betont immer wieder, dass alles reibungslos verläuft.
Plötzlich unterbricht er seine Rede bei den Journalisten wegen klingelnder Handys – eine unangemessene Störung in seiner Sichtweise. Nach einem Moment gelingt es ihm jedoch, sich zu beruhigen und lächelnd zu erklären: «Jeder Mitarbeiter weiss, dass man während unserer Meetings sein Handy ausschalten muss.»
Huang gehört zu den wenigen CEOs im Silicon Valley, die sich Zeit für ausführliche Pressegespräche nehmen. Statt einerinhalbstündigen Sitzung dauert es fast zwei Stunden – «ich will meinen nächsten Termin nicht», witzelt er. Er gibt sich zugänglich, lacht und scherzt, manchmal auch auf Kosten der Fragesteller.
Huang informiert zudem, dass Nvidia die Produktion seines Chips H-200 im wichtigen Markt China wieder hochfahren wird. «Wir haben Lizenzen für den H-200 von zahlreichen chinesischen Kunden erworben und Bestellungen erhalten», sagt Huang. Trotz des Handelskriegs unter Trump bemüht sich Nvidia seit Monaten um die Wiederaufnahme der Exporte seiner Hochleistungschips nach China.
Beim Thema Europa zeigt sich Huang fast mitleidig: Der Kontinent habe bei der industriellen Revolution geführt, aber die IT-Revolution verpasst – «wegen tiefer kultureller Unterschiede zu Amerika». Doch nun liegt eine Chance vor ihnen: «Ihr könnt direkt zur KI-Revolution übergehen», sagt er den Deutschen. Mit ihrer Expertise im Bereich Mechatronik könnten sie die Robotikindustrie revolutionieren – «Ich bin euer größter Fan.»
Huang muss sich auch Fragen stellen, ob Nvidia den Inferenz-Trend verpasst hat. Kritiker bemängeln, dass Nvidias bisherige Chips für Inferenz zu viel Energie verbrauchen und wenig Arbeitsspeicher bieten – was hohe Stromkosten und Verzögerungen bei KI-Anwendungen zur Folge hat. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, kaufte Nvidia im vergangenen Jahr Groq für 20 Milliarden Dollar auf. Dies war die teuerste Investition in der Firmengeschichte.
Auf die Frage nach dem Inferenz-Boom antwortet Huang mit einem Scherz: «Sie sitzen dem Inferenz-König gegenüber», sagt er und hebt seine Hände. Er erklärt, dass im KI-Markt immer neue Produktsegmente entstehen, um verschiedene Kundenbedürfnisse zu befriedigen – ähnlich wie beim iPhone. Zugleich gibt er zu, dass ein neues Nachfragensegment gerade entsteht, für das Groqs spezielle Chips ideal seien.
Zur Lage im Nahen Osten und den Risiken für Nvidias Lieferkette durch einen möglichen Krieg in Taiwan äußert sich Huang besorgt. Beide Regionen beherbergen wichtige Mitarbeiter und Zulieferer von Nvidia. «Meine einzige Hoffnung ist, dass wir eine gemeinsame Lösung finden», sagt er. Kurz darauf verlässt er den Raum – ein weiteres Treffen lässt sich nicht mehr verschieben.