In nur zwei Jahren ist Peter Magyar von einem Unterstützer Viktor Orbans zu seinem ernsthaften Konkurrenten aufgestiegen. Wie gelang ihm dieser bemerkenswerte Aufstieg? Einer der größten Kinosäle Budapests ist an diesem Samstagabend trotz der milden Frühlingsluft komplett gefüllt. Jugendliche, Paare und ältere Menschen sitzen in den roten Plüschsesseln und klatschen nach dem Abspann eines Films – eine Seltenheit in Ungarn. Der Dokumentarfilm «Frühlingswind» zieht über 36.000 Zuschauer landesweit an seinem Eröffnungswochenende an, was einen Rekord für ungarische Filme darstellt und die politische Entwicklung Magyars innerhalb von zwei Jahren beleuchtet. Das Publikum besteht nicht nur aus Fans. Eine ältere Frau im Kinosaal bezeichnet den Film als Propaganda und ist unschlüssig, ob sie Magyar wählen wird. Ein Vater mit seiner 16-jährigen Tochter hat hingegen bereits vor anderthalb Jahren seine Entscheidung getroffen: Er sucht nicht nach einem Sympathisanten Magyars, sondern nach einem politischen Umbruch. Magyar, der von sich behauptet, das Land verändern zu wollen, zählt seit Sommer die Tage bis zur Niederlage Orbans. Diese Haltung trifft den Nerv des Landes: Er füllt nicht nur Kinosäle, sondern auch Veranstaltungsplätze mit Tausenden Menschen und erreicht Millionen im Netz durch seine viral gehende Rhetorik. Die Partei Tisza von Magyar liegt in Umfragen länger als ein Jahr vor der Regierungspartei Fidesz. Eine Mehrheit glaubt nun, dass Orban nach sechzehn Jahren an der Macht unterliegen könnte. Wie konnte ein Politiker, der bis vor Kurzem Teil des Systems war, zu einer solchen Hoffnung für die Opposition werden? Drei Gründe erklären diesen Aufstieg: erstens versagte Orbans Versprechen von wachsendem Wohlstand; seit drei Jahren stagniert die ungarische Wirtschaft und verursacht Unzufriedenheit. Zweitens herrschte ein politisches Vakuum nach einer Niederlage der Oppositionsparteien. Drittens nutzte Magyar die moralische Krise um eine Begnadigung in einem Missbrauchsskandal, bei dem auch seine Ex-Frau zurücktreten musste. Er selbst distanzierte sich öffentlich vom System Orbans durch ein Interview, das über 2 Millionen Aufrufe erzielte. Magyars Glaubwürdigkeit stieg dadurch, dass er Teil der politischen Elite war und nun deren Vergehen anprangert. Sein Aufstieg ist auch seiner kommunikativen Begabung geschuldet, die Politikwissenschaftler Agoston Mraz bestätigt. Magyar vermeidet es, sich auf kulturelle Konflikte einzulassen oder abstrakte Debatten zu führen. Stattdessen fokussiert er auf Alltagsprobleme und nationale Symbole. Er spricht die enttäuschten Fidesz-Wähler an, indem er seine eigene Geschichte als Beispiel für mögliche Veränderungen darstellt. An einem Abend in Tata kommen 2000 Menschen zu einer seiner Veranstaltungen. Trotz der kleinen Gemeinde und ihrer langjährigen Regierung durch Fidesz ist die Begeisterung groß. Magyar kündigt konkrete Maßnahmen an, wie die Freigabe von EU-Geldern für Bildung und Gesundheit. Obwohl viele ihm misstrauen, weil er einst Teil des Systems war, sehen sich viele Wähler gezwungen, zwischen Idealen und dem Sturz Orbans zu wählen. Mit seinem Charisma hat Magyar den Glauben an einen politischen Wechsel nach sechzehn Jahren Orban geschürt. Er stellt die Wahl als Referendum über Orbans Amtszeit dar – eine Chance, von der er oft spricht: «Jetzt oder nie» lautet sein Slogan.