Im Zentrum von Tallinn lodert ein ukrainisches Restaurant in Flammen. In Lettland sind hunderte Schulen Opfer von Bombendrohungen, was die Notfallzentralen überlastet. Auf einer Landstraße im täglichen Gebrauch erscheinen plötzlich bewaffnete Russen. Diese und weitere Vorfälle verdeutlichen den hybriden Krieg gegen das Baltikum und Nordeuropa.
Von Drohnen, die Flugverkehr stören, bis hin zu Schiffen, die Unterseekabel beschädigen, reicht der Einflussbereich dieser Angriffe. Sie umfassen aber auch Vandalismus, GPS-Störungen und Cyberattacken. Die Herkunft bleibt oft verborgen, was das Chaos verstärkt.
Die NZZ hat seit Sommer 2023 die Attacken in Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark dokumentiert. Auf Basis von Medienberichten, Geheimdienst-Einschätzungen und Polizeistatements zeigt sich ein zunehmendes Muster solcher Angriffe.
Ein Beispiel: Im Juni 2024 wird Ivan Chihaial aus Moldau vom russischen GRU angeworben. Mit seiner kriminellen Vergangenheit ist er für deren Zwecke ideal. Im Januar 2025 setzt er einen Lebensmittelladen in Estland in Brand und erhält später eine Zahlung per Kryptowährung. Chihaial wird zu sechs Jahren Haft verurteilt.
Teija Tiilikainen, Direktorin des Europäischen Kompetenzzentrums für hybride Bedrohungen, betont: “Die Täter sind oft ahnungslos über ihre Rolle. Angriffe wie der auf das ukrainische Restaurant in Tallinn seien schwer vorhersehbar.” Im Baltikum häufen sich solche Vorfälle.
Im August 2023 wird ein Auto des estnischen Innenministers attackiert, und im Februar 2024 kommt es zu einer Molotow-Cocktail-Attacke in Riga. Auch das Ikea-Warenhaus in Vilnius wurde im Mai 2024 angezündet.
Russland intensiviert seine Rekrutierungsbemühungen seit dem Angriff auf die Ukraine, wobei es zunehmend auf ausländische Mittäter zurückgreift. Der hybride Krieg zielt darauf ab, Angst und Chaos zu verbreiten. Cyberattacken sind mittlerweile an der Tagesordnung.
Die Kommunikation bei Drohungen in sozialen Netzwerken stellt eine Herausforderung dar. Tiilikainen erklärt: “Man muss das Phänomen benennen, ohne falsche Informationen zu verbreiten, um Vertrauen wiederherzustellen.”
Bombendrohungen im Oktober 2023 bleiben ungeklärt, aber der lettische Nachrichtendienst VDD sieht eine hybride Attacke nicht ausgeschlossen.
Manchmal agiert Russland offensichtlich: Im Winter 2023 drängte es Migranten an die finnische Grenze. Im Mai 2024 entfernten russische Beamte Bojen im Narwa-Fluss, kurz nachdem Putin eine Ostsee-Grenzverschiebung ankündigte.
Der Saatse-Stiefel zwischen Lutepää und Saatse in Estland bleibt gesperrt, was die Einwohner zwingt, umständlichere Routen zu nehmen. Die estnische Regierung plant eine Umfahrungsstraße.
Tiilikainen glaubt nicht an einen Rückgang hybrider Attacken, da geopolitische Spannungen und neue Technologien sie weiter befeuern.
Bild- und Videomaterial: Priit Mürk, PPA, Martin Pedaja, LTV, Estnische Staatsanwaltschaft, Telegram.