Der Fall von Collien Fernandes hat eine Diskussion über digitale sexualisierte Gewalt entfacht. Im Gespräch mit Expertin Agota Lavoyer beleuchtet Moderatorin Melanie Winiger die Ursachen dieser Form der Gewalt, das Gefühl der Machtlosigkeit unter den Opfern sowie das Vertrauen in Männer.
Was umfasst digitale sexualisierte Gewalt? Agota Lavoyer erklärt, dass es sich dabei um jegliche Form von sexualisierter Gewalt im digitalen Raum handelt. Dazu zählen unerwünschte «Dickpics», belästigende Kommentare und KI-generierte Deepfakes, wie sie Collien Fernandes erlebt hat.
Agota Lavoyer ist als Beraterin, Referentin, Autorin und Kolumnistin tätig. Ihr Engagement gilt der besseren Unterstützung von Opfern sexualisierter Gewalt sowie deren Prävention.
Melanie Winiger äußert sich zu den Vorwürfen von Collien Fernandes: «Ich war weder erstaunt noch schockiert, denn dies ist nicht der erste Fall dieser Art. Es ist positiv, dass dieses Thema nun diskutiert wird.» Melanie Winiger, die 1996 als jüngste Miss Schweiz in die Geschichte einging und heute international als Schauspielerin, Moderatorin und Model arbeitet, machte ihr Filmdebüt 2003. Seitdem hat sie an mehreren Projekten mitgewirkt und war 2018 Co-Produzentin des Dokumentarfilms «#femalepleasure».
Was ist die Triebkraft hinter dieser Gewaltform? Lavoyer verweist auf Machtstreben und Dominanz als Hauptursachen. Winiger hebt hervor, dass Anonymität bei digitaler Gewalt eine große Rolle spielt: «Wenn Täter ihre Identität offenlegen müssten, wäre die Gewalt weniger verbreitet. Hier zeigt sich auch die Feigheit der Täter.»
Digitale Gewalt wird oft als weniger schwerwiegend betrachtet, da sie nicht körperlich ist.
Winiger betont: «Das Problem daran ist, dass es sich in Wirklichkeit um denselben Missbrauch handelt. Betroffene müssen ernst genommen werden – Gewalt bleibt Gewalt, ob online oder offline.» Lavoyer fügt hinzu, dass die Ursachen stets Sexismus und Frauenfeindlichkeit sind und es fließende Übergänge zwischen verschiedenen Formen von sexueller Belästigung gibt.
Warum schweigen viele Opfer? Die wöchentliche Talkshow von Urs Gredig mit prominenten Gästen beleuchtet diese Frage. Lavoyer stellt fest, dass Frauen oft ihr Verhalten einschränken: «Ich habe junge Frauen gefragt, was sie tun würden, wenn es 24 Stunden keine Männer gäbe und erhielt Antworten wie nächtliches Zugfahren oder Joggen im Wald.»
Verlieren Frauen das Vertrauen in Männer? Lavoyer erklärt: «Es ist eine verständliche Reaktion, da fast jede Frau bereits sexualisierte Gewalt erlebt hat, was auf viele gewaltausübende Männer hinweist.» Winiger warnt vor einer allgemeinen Verallgemeinerung und betont die Rolle von Männern in der feministischen Bewegung.
Auf welche Aspekte sollten Eltern bei der Erziehung ihrer Söhne achten? Winigers Ansatz lautet: «Ich erzähle meinem Sohn, dass körperliche Überlegenheit keine Macht darstellt, sondern Verantwortung.» Sie findet den Ausdruck «protect your daughters» irreführend und plädiert stattdessen für «teach your sons». Lavoyer betont die Rolle der gesamten Gesellschaft bei der Erziehung empathischer Menschen, um Gewalt zu reduzieren.
Gesprächsleitung: Urs Gredig. Ausgestrahlt auf SRF 1 am 09.04.2026 um 22:25 Uhr.