Die Hachette Book Group setzt ein klares Zeichen für Originalität in der Literatur, nachdem sie den Roman «Shy Girl» von Mia Ballard aus dem Verkauf genommen hat. Dieser Fall wird nun als Präzedenzfall betrachtet. Mia Ballards Roman «Shy Girl», eine Geschichte über die Entführung und Misshandlung einer jungen Frau durch einen im Internet kennengelernten Mann, erzielte zunächst Erfolge. Die Autorin, die sich in ihrer Kurzbiografie als Fan von Horror und weiblicher Wut beschreibt, veröffentlichte das Buch ursprünglich im Eigenverlag im Februar. Das Werk fand besondere Beachtung auf Plattformen wie TikTok und Goodreads. Hachette Book Group wurde darauf aufmerksam und brachte den Roman im November 2025 in Großbritannien heraus, mit geplantem US-Start im April 2026. Jedoch zog der Verlag die Notbremse: Der Buchverkauf wurde gestoppt, das Werk aus dem Sortiment genommen und die USA-Veröffentlichung abgesagt. Grund dafür war Ballards angeblicher Einsatz von KI bei der Erstellung des Textes. Literarische Werke, die mit Hilfe von KI geschrieben wurden, weisen oft ähnliche Merkmale auf: einen gleichförmigen Ton, überladene Sprache, viele Adjektive und Vergleiche sowie eine wiederkehrende Wortwahl. Diese Muster wurden bereits in Internetforen wie Reddit thematisiert. Ein fast dreistündiges Youtube-Video von «Fankie’s Shelf» mit dem Titel «I’m pretty sure this book is AI slop» bezeichnete den Roman als KI-Schrott und erlangte knapp 1,5 Millionen Aufrufe. Ein Machine-Learning-Ingenieur analysierte das Werk und stellte fest, dass es zu 78 Prozent von einer KI generiert wurde. Die «New York Times» recherchierte den Fall und sprach sowohl mit der Autorin als auch dem Verlag. Hachette startete daraufhin eine interne Prüfung und zog sich zurück. Der Verlag betonte, dass er Originalität in kreativen Werken schützen wolle. Eine Sprecherin machte deutlich, dass von Autoren verlangt werde, originale Texte einzureichen und den Einsatz von KI offenzulegen. Bei «Shy Girl» war demnach ein Vertragsbruch entstanden. Ballard bestreitet die eigenständige Nutzung von KI. Sie gab an, eine Bekannte aus ihrer Schreibgruppe habe ohne ihr Wissen KI-Tools verwendet, um den Roman zu lektorieren und zu formatieren. In einer E-Mail an die «New York Times» äußerte sie sich enttäuscht über ihren ruinierten Ruf. Einige Verteidiger der Autorin in sozialen Netzwerken werfen dem Verlag vor, Ballard im Stich gelassen zu haben und sich geschickt als Hüter der Literatur zu positionieren. Sie fragen, warum der Verlag trotz Lektorat keine Hinweise auf KI entdeckte. Es wird vermutet, dass Hachette vom TikTok-Hype des Romans profitieren wollte und die Prüfung vernachlässigte. Anstatt den Roman mit einem KI-Nutzungshinweis zu versehen, wählte der Verlag eine radikalere Lösung. Die rasante Entwicklung von KI und deren Kompetenzen deutet darauf hin, dass «Shy Girl» kein Einzelfall bleiben wird. Hachette’s hastiger Rückzug zeigt die mangelnde Vorbereitung der Branche auf solche Entwicklungen.