Eingezwängt zwischen Stacheldraht und zerstörten Fensterscheiben liegt in Kriens ein Ort, der einst internationale Schüler anzog. Heute ist nur noch eine Ruine übrig – doch es gibt Pläne für die Zukunft.
Früher war hier viel Leben zu spüren: spielende Jungen, Gelächter und Tränen. Nun wirkt das Areal verlassen, überwuchert vom Gestrüpp. Es handelt sich um die ehemalige Talmud-Schule Jeschiwah in Kriens.
Ein kalter Märzregen sorgt für eine passende Atmosphäre während eines Besuchs der Redaktion von zentralplus. Der Anblick ist trostlos: viele Scheiben sind zerbrochen, die gelbliche Fassade verwittert und Graffiti bedecken einige Wände. Das Areal wirkt schlicht und unauffällig.
Unser Rundgang endet bereits vor dem Parkfeld des ehemaligen Eingangs, abgesperrt durch Warnschilder. Anwohner der Sackweidstrasse in Obernau erinnern sich noch an die aktiven Zeiten der Schule, als sie ein großes Thema in der Schweiz war.
Die Wurzeln der Jeschiwah liegen nicht in Luzern, sondern im Tessin. 1952 wurde die Schweizerische Talmudhochschule in Lugano gegründet und zog zwei Jahre später nach Luzern ins Bramberg-Quartier. Schließlich fand sie 1968 ihren festen Platz in Kriens-Obernau.
Hier lebten und lernten Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren, die sich intensiv mit Tora und Talmud beschäftigten – ein Schritt auf dem Weg zum Rabbiner. Internationale Schüler kamen aus jüdischen Gemeinden weltweit, etwa aus London oder New York.
Trotz ihrer Präsenz in Kriens blieb die Schule über Jahrzehnte hinweg eine abgeschirmte und zurückgezogene Einrichtung. Sie war ein Mikrokosmos mit eigenen Regeln und Traditionen. Im Laufe der Jahre akzeptierten die Krienserinnen den orthodox geprägten Alltag ihrer Schüler.
Die Jeschiwah galt lange als bedeutendste ihrer Art in der Schweiz, mit bis zu 150 Studenten im Höhepunkt ihres Bestehens. Doch in den letzten Jahren vor der Schließung 2015 geriet die Einrichtung unter finanziellen Druck und verlor zahlreiche Schüler.
Seither sind das Schulhaus und Wohnheim verlassen, Schauplatz für illegale Besichtigungen von Urban Explorern. Die Tage des Areals als Schule sind gezählt. 2020 forderte eine Initiative Umzonung und preisgünstige Wohnungen. Nach mehreren Eigentümerwechseln gehört das Gelände nun der Neuen Haus AG, einer Tochterfirma der Lika Group.
Im März entschied sich der Krienser Einwohnerrat für die Umzonung und den Abriss der Gebäude zugunsten von drei Mehrfamilienhäusern. Was aus dem Gelände in Zukunft wird – ob bald Bagger rollen oder doch noch eine Ehrenrunde durchführt, bleibt abzuwarten.