Der kurze 32-stündige Waffenstillstand bot der Zivilbevölkerung eine Atempause, doch an den Frontlinien setzten sich die Gefechte fort. Die Ukraine blickt hingegen auf einen weiteren Versuch bei den Friedensverhandlungen. In Kiew versammelten sich am Ostersonntag tausende Gläubige vor der Wolodimir-Kathedrale, so voll war das Gotteshaus bereits zu Beginn des orthodoxen Festes. Ein Priester in prunkvoller Robe und Krone ging die Menschenmenge ab, besprengte sie mit Weihwasser und wiederholte den Osterruf: «Christus ist auferstanden». Die Antwort der Menge war lautstark: «Wahrhaftig ist er auferstanden». In der orthodoxen Tradition hat Ostern nicht nur religiöse Bedeutung, sondern ist auch ein zentraler gesellschaftlicher Anlass. Besonders die Segnung der Osterkörbe, gefüllt mit Hefegebäck und bemalten Eiern sowie Fleisch- und Weinwaren, spielt eine wichtige Rolle in der Ukraine. Diese Bräuche begannen bereits am Karsamstag des orthodoxen Osterwochenendes, das heuer eine Woche später als im Westen gefeiert wurde. Im Konflikt hat Ostern ebenfalls einen patriotischen Aspekt. In der Kathedrale wird ein Spendenkorb für die Armee platziert und Gebete für die Freiheit der Ukraine gesprochen. Einige Gläubige kleiden sich in traditioneller oder nationaler Tracht. Die Festfreude ist allgegenwärtig, wie eine Frau zeigt, die nach ihrer Besprengung mit Weihwasser lachend reagiert und sofort ernst wird, als sie auf ihre Wünsche angesprochen wird: «Frieden natürlich», sagt sie. Dieses Osterfest ist bereits das fünfte im Krieg. Trotz der 32-stündigen Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine, die von Wladimir Putin angekündigt wurde, blieb der Friede weiterhin eine Illusion. Ukrainische Vorschläge für eine solche Pause waren zuvor vom Kreml ignoriert worden. Während in der Nacht auf Sonntag Angriffe mit Langstreckendrohnen und Raketen ausblieben, konnten die Menschen vor allem in Grossstädten wie Kiew, Odessa oder Dnipro entspannt feiern. Die Ukraine griff ebenfalls keine russischen Energieanlagen an. Entlang der Frontlinie hingegen waren zahlreiche Verletzungen des Waffenstillstands zu verzeichnen. Beide Seiten warfen sich gegenseitig Tausende von Verstößen vor, wie die ukrainische Plattform DeepState berichtete, darunter ein tödlicher Angriff bei Huljaipole in der Provinz Saporischja. Die Bilanz ähnelt den Ergebnissen früherer Waffenruhen, beispielsweise über den Siegestag am 9. Mai letzten Jahres, die ebenfalls mit Tausenden von Verstößen behaftet waren. Die Ukraine fordert einen umfassenden Waffenstillstand, der bisher nicht realisiert wurde. Die Friedensverhandlungen bleiben ein zentrales Thema. Nach der Absage eines geplanten Treffens im März aufgrund des Golfkriegs sind die Verhandlungen laut Kiew weiterhin im Gange. Präsident Selenski kündigte einen baldigen Besuch von US-Unterhändlern an. Kirilo Budanow, Stabschef des ukrainischen Präsidenten, meint in einem Bloomberg-Interview, dass sich die Positionen Russlands und der Ukraine annäherten. Allerdings bleiben territoriale Fragen weiterhin umstritten: Der Kreml verlangt den gesamten Donbass als Minimalziel für eine Kriegseinstellung. In Kiew sieht man Putin vor einer Entscheidungssituation, da Russland kaum Geländegewinne erzielt hat und die Verluste hoch sind. Selenski fordert entweder eine Ausweitung der Mobilisierung oder einen Kompromiss zum Kriegsende. Trotzdem bleibt Budanows Hoffnung auf ein baldiges Ende des Konflikts ein Wunschtraum, da auch Russland den Krieg beenden wolle. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios ist gering. Ein kleines Osterwunder gelang jedoch bei dem Austausch von 182 Männern auf beiden Seiten am Samstag. Unter ihnen befanden sich viele ukrainische Soldaten, die seit 2022 in Gefangenschaft waren, sowie Wachleute des Kernkraftwerks Tschernobyl. Ein weiterer Austausch ist im selben Monat geplant.