In seinem Roman «Hellere Tage» schildert der deutsche Autor die turbulente Geschichte einer Frau, die existenzielle Umbrüche meistern muss. Ruth Lember, eine Philosophieprofessorin aus Berlin, sieht sich mit einem beruflichen Rückschlag konfrontiert, als bekannt wird, dass sie in jungen Jahren politisch aktiv war und einen Strommast absägte. Dieser Vorfall wurde bereits in Ulrich Woelks 2023 veröffentlichtem Roman «Mittsommertage» thematisiert. Obwohl Ruth ihre Stelle behalten konnte, ist ihre Lehrtätigkeit auf die Geschichte der praktischen Philosophie beschränkt.
Privatleben und Karriere sind für Ruth durcheinandergeraten: Sie lebt seit anderthalb Jahren getrennt von ihrem Mann Ben, einem Architekten, der eine Affäre hat. In Berlin-Moabit kämpft sie um ihre gemeinsame Wohnung und erlebt Spannungen mit ihrer «Ziehtochter» Jenny, die in einem besetzten Haus lebt.
Woelk, der sich für einen gegenwartsbezogenen Zeitroman entschieden hat, beleuchtet Ruths psychische Herausforderungen im Frühjahr 2024. Sie ringt mit dem Alleinsein und versucht, die Haltungen ihrer Studierenden sowie jene ihrer Tochter zu verstehen, die eine Beziehung mit einer Frau eingegangen ist.
Ruth begegnet Harald, einem Altkommunarden, in dessen Haus Jenny lebt. Sie entwickelt Gefühle für ihn und empfindet ihre gemeinsame Nacht als «ausserzeitlichen Kontinuum des erfüllten Augenblicks». Trotz seltener Schwärmereien gelingt es Woelk, Ruths Innenleben nuanciert darzustellen.
Nach dem Tod ihres Vaters entdeckt sie Briefe über eine geheime Beziehung seiner Jugendzeit. Diese Offenbarung führt zu einer weiteren persönlichen Herausforderung: Sie will den ehemaligen Liebhaber ihres Vaters finden. Der Roman leidet unter der Vielzahl an Themen, darunter die Alibifunktion des Ethikrats und juristische Ungerechtigkeiten.
Die Festnahme einer RAF-Terroristin im Februar 2024 bringt Politisches und Privates zusammen. Ruth fürchtet, mehr als nur einem Sympathisanten auf den Leim gegangen zu sein, was die Spannung zwischen ihr und Harald verschärft. Das Buch endet versöhnlich mit einer Annäherung zwischen Ruth und Jenny.
Ulrich Woelk: Hellere Tage. Roman. C.-H.-Beck-Verlag, München 2026. 317 S., Fr. 34.90.