Heutzutage verbindet man die Betrachtung einer Uhr mit der Erwartung von Präzision: Sechzig Minuten, nicht mehr und nicht weniger. Doch wie war das früher? Rita Gautschy, Astronomin und Ägyptologin an der Universität Basel, erforscht, wie Menschen in der Antike Zeit strukturierten. Sie kombiniert naturwissenschaftliche Methoden mit antiken Quellen. Wann begann die Menschheit eigentlich damit, Zeit zu messen? Seit jeher orientierten sich Menschen am Jahresverlauf und an verfügbaren Nahrungsmitteln – für das Überleben unerlässlich. Eine feste Einteilung des Tages in Abschnitte ist ab dem dritten Jahrtausend vor Christus in Mesopotamien belegt. Die ersten Formen der Zeiteinteilung umfassten die sogenannten «Doppelstunden», vergleichbar mit etwa zwei heutigen Stunden, und die «Wachen» – ungefähr vier moderne Stunden. Diese Strukturen halfen bei Aufgaben wie dem Marschieren von Armeen oder der Organisation des Wachpersonals. Gautschy untersucht eine Sonnenuhr aus dem Tal der Könige, entdeckt 2013 an der Uni Basel. Dieses halbrunde Instrument mit Markierungen und einem Stäbchenloch wurde um das Jahr 1200 vor Christus genutzt, um die Arbeitszeit von Handwerkern in den Königsgräbern zu gliedern. Diese Arbeiter waren streng organisiert: Steinmetze, Schreiber und Maler. Ihre Tagesabläufe wurden möglicherweise mittels der Sonnenuhr geregelt, was auf geregelte Arbeitszeiten hindeutet – inklusive Pausen. Die Zeit wurde in Temporalstunden eingeteilt, basierend auf den jeweiligen Lichttagen und -nächten. Das Zwölfersystem könnte aus dem mesopotamischen Sexagesimalsystem stammen, das eine Basis von 60 hat. Trotz der ägyptischen Verwendung des Dezimalsystems nutzten sie zwölf Temporalstunden für den Tag und die Nacht. Temporalstunden spielten auch religiöse Rollen, etwa in Totentexten oder Tempelritualen. Doch im alltäglichen Leben der meisten Ägypter war Zeitmessung weniger relevant. Ihre Tagesstruktur orientierte sich am Sonnenstand und gelegentlich an Sternen. Die Zeiteinteilung diente vor allem den Machthabenden wie Militär, Tempeln oder Verwaltung. Genauigkeit war in diesen Kontexten wichtig, jedoch nicht auf die Minute präzise. Obwohl es keine Aufzeichnungen von Sonnenfinsternissen im alten Ägypten gibt – ein Rätsel der Ägyptologie – helfen Monddaten und heliakische Frühaufgänge bei Datierungen. Hellenistische Griechen verstanden ab dem 6. Jahrhundert vor Christus Sonnenfinsternisse besser. Bei den Römern begann Zeitmessung im Alltag Fuß zu fassen: Auf öffentlichen Plätzen standen Sonnenuhren, und römische Uhren symbolisierten die Einführung römischer Zeit. Dennoch blieb Pünktlichkeit dehnbar. Erst im 17. Jahrhundert suchten Astronomen nach einer gleichmäßigen Zeiteinteilung, unabhängig von der Sonnenzeit. Diese Entwicklung mündete schließlich in die moderne Standardzeit im Zuge der Industrialisierung und des Eisenbahnbaus.