Kurz vor neun Uhr abends herrscht auf dem Gelände des Omid-Krankenhauses noch Betrieb. In Kabul ist Ramadan, viele Menschen essen laut Augenzeugen an diesem Montag gerade, als ein lauter Knall das Gelände erschüttert. Weitere Explosionen folgen und setzen mehrere Gebäude in Brand, darunter etliche Wohncontainer. Bei Eintreffen der Feuerwehr lodern Flammen in den Nachthimmel. Was geschah? Seit Wochen greift die pakistanische Luftwaffe Einrichtungen in Afghanistan an. Am Abend des 16. März um kurz vor neun Uhr bombardierten sie mehrere Ziele in Kabul, darunter Camp Phoenix, eine ehemalige amerikanische Militärbasis im Osten der Stadt. Seit etwa zehn Jahren beherbergt das Gelände auch eine afghanische Drogenentzugsklinik. Laut Taliban-Regierung wurden bei dem Angriff auf die Suchtklinik mindestens 400 Personen getötet und 265 verletzt. Die pakistanische Regierung bestätigte ebenfalls Angriffe auf Kabul, behauptete jedoch, das Ziel sei ausschließlich “militärische und terroristische Infrastruktur” gewesen, genutzt für die Lagerung von Drohnen und Munition sowie zur Ausbildung von Selbstmordattentätern. Man habe sich sicher gewesen zu sein, nur Terroristeninfrastrukturen anzugreifen. Die Angriffe seien “präzise, zielgenau und professionell” erfolgt. Die Behauptung, eine Entzugsklinik angegriffen zu haben, sei “völlig aus der Luft gegriffen”, so die pakistanische Seite. Als Beleg veröffentlichte Pakistans Informationsminister Attaullah Tarar Videos, die zeigen sollen, welche Gebäude angegriffen wurden. Es sind Aufnahmen aus der Luft, typisch für Bombardierungsvideos. Drei der ins Visier genommenen Ziele lassen sich auf dem ehemaligen Camp-Phoenix-Gelände zuordnen; das größte misst etwa 56 Meter in der Länge und 42 Meter in der Breite. Bis heute ist unklar, was sich genau darin befand. Drohnenaufnahmen vom Tag nach den Angriffen zeigen massiven Zerstörungen (auf einer Karte mit 2 und 3 markiert). Ein Bereich fehlt im pakistanischen Video jedoch – das Gebäude, das in Flammen steht (auf der Karte mit 1 markiert), beherbergte frühere Videos zufolge Wohncontainer der Klinik. Videos aus den Vorjahren zeigen, dass weitere Teile der Anlage von Suchtkranken genutzt wurden. In einem Video von 2023 stehen abgemagerte Männer auf dem großen Platz im Gelände, während die Halle im Hintergrund bei dem Angriff zerstört wurde. Eine andere Szene aus 2025 zeigt Menschen, die sich vom Platz in Richtung Baracken bewegen – diese wurden bei dem Luftangriff stark beschädigt oder vollständig zerstört. Auch in den Wohncontainern, die in Brandvideos zu sehen sind, hielten sich Abhängige auf. In einem 2025 veröffentlichten Video erzählen Patienten von ihrem Kampf gegen Sucht, ihrer Familie und dem Dankbarkeitsgefühl für die medizinische Behandlung. Die Kamera führt durch Therapieeinheiten und Wohncontainer, in denen mehr Menschen als Betten untergebracht zu sein scheinen. Diese Videos belegen, dass Gebäude der Entzugsklinik zerstört wurden. Entweder war der Angriff nicht präzise, oder die pakistanische Seite hatte unzureichende Informationen über ihr Ziel, an dem sich Zivilisten aufhielten. Selbst aktuelle Satellitenbilder bei Google Maps zeigen Menschenansammlungen auf dem großen Platz. Mitarbeiter der Uno-Mission in Afghanistan (Unama) besuchten das Gelände am Tag nach den Angriffen. Georgette Gagnon, Leiterin der Uno-Mission, bestätigte gegenüber der NZZ, dass es sich bei der getroffenen Einrichtung um eine Entzugsklinik handelt, die von der Uno unterstützt wurde. Frühere Aufnahmen zeigen, wie dicht Menschen dort lebten. Die genauen Opferzahlen lassen sich nicht unabhängig bestätigen; bis Mittwoch verifizierte Unama mindestens 143 Tote und 119 Verletzte. Man geht jedoch von steigenden Zahlen aus, da ein Medienbericht von etwa 200 Toten auf dem Gelände spricht. Ein Bericht des Senders Amu TV, eines afghanischen Kanals mit Sitz in den USA, enthält detaillierte Angaben: Demnach befanden sich sowohl Anlagen der Suchtklinik als auch militärische Einrichtungen im früheren Camp Phoenix, teilweise nah beieinander. Die britische “Daily Mail” berichtete unter Berufung auf Geheimdienstquellen, dass die Taliban Camp Phoenix als Drohnenproduktionsstätte genutzt hätten. Unabhängig verifiziert ließ sich dies bisher nicht. Doch die Suchtklinik hat seit ihrer Gründung im Jahr 2016 zugenommen und umfasste jüngst mehr Gebäude des alten Camp Phoenix, darunter auch solche, die am 16. März zerstört wurden. Unabhängig davon müssen Angriffe auf militärische Ziele sicherstellen, dass Schäden für die Zivilbevölkerung minimal bleiben, wie das Kriegsvölkerrecht vorschreibt. Propakistanische Accounts nutzen Informationen über angebliche Nähe militärischer Einrichtungen zur Informationskampagne nach dem Angriff. Videos von anderen Einschlägen kursieren auf X und Telegram, doch sie stammen von einem anderen Angriff in derselben Nacht auf den Siah-Sang-Militärstützpunkt, der rund 6 Kilometer südwestlich der Suchtklinik liegt. Nach dem Angriff haben Afghanistan und Pakistan eine Waffenruhe für das Zuckerfest am Ende des Ramadans vereinbart, die bis Anfang nächster Woche gelten soll.