Von Günter Eichs Hörspiel «Blick auf Venedig» existieren zwei Fassungen, die sich so stark unterscheiden, dass sie fast als eigenständige Werke gelten könnten. Beide teilen lediglich den Titel. In der überarbeiteten Version von 1960 sind die Charaktere Benedetto, Emilio und Gaspara in Venedig blind. Statt wie zuvor am Rialto zu singen und auf Almosen zu hoffen, planen sie Stadtrundgänge ohne visuelle Elemente, sondern mit Fokus auf Geräusche und Düfte.
Touristen, die auf der Piazza San Marco gelangweilt gähnen, bei Santa Maria della Salute an Torten denken oder Colleonis Reiterstandbild bedauern, erleben eine unerwartete Perspektive. Die Blinden suchen nach einer Sprache, die ihrem Vorhaben entspricht. “Wir sprechen die Sprache der Sehenden”, erklärt Benedetto, und sie wollen dies ändern.
Sie verwerfen visuelle Begriffe: kein Blickwinkel mehr, keine guten Aussichten, kein Erfolgsstreben, das Einleuchten wird untersagt. Selbst Farbmetaphern werden hinterfragt: Dürfen Blinde noch erröten oder schwarzsehen? Gelb vor Neid werden oder blaues Wunder erleben?
Diese Idee inspirierte mich zu einem Experiment: Kann ich in diesen kriegerischen Zeiten meinen Sprachgebrauch von martialischen Metaphern befreien? Versuchen will ich es. Ich sage nicht mehr «08/15» für das Normale, da dies auf ein Maschinengewehr im Ersten Weltkrieg verweist. Wenn ich etwas im Blick habe, erwähne ich keine Radargeräte. Auch spreche ich nicht von der Pike auf gelerntem Handwerk oder einem Haus in Reih und Glied gebracht. Ich werde mich in Diskussionen weder verschanzen noch aus der Reserve locken lassen und kein schweres Geschütz auffahren.
So weit für heute! Ich denke, ich habe mein Pulver verschossen. Oder habe ich etwas vergessen?