Für lange Zeit hat Deutschland Lateinamerika, insbesondere Brasilien, im politischen Fokus vernachlässigt. Nun bemüht sich Berlin um den Zugang zu essentiellen Rohstoffen und stellt Bedingungen dafür. Der Vorfall mit Bundeskanzler Friedrich Merz während der Klimakonferenz in Belém bleibt vielen Brasilianern unvergessen: Seine abfälligen Kommentare über die Stadt sorgten für Empörung. Während brasilianische Medien ihn kritisierten, zeigte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva Verständnis und empfahl ihm, Pará besser kennenzulernen.
Deutschland strebt nach einer Partnerschaft auf Augenhöhe mit Brasilien, doch bei konkreten Vereinbarungen offenbart sich oft eine überhebliche Haltung. Die Rollenverteilung hat sich jedoch gewandelt: Deutschland benötigt Brasilien zunehmend als Handelspartner und Lieferanten kritischer Rohstoffe. Während Deutschlands Wirtschaft stagniert, ist Lateinamerikas größte Volkswirtschaft global stärker denn je.
Brasilien ist in diesem Jahr Partnerland der Hannover-Messe, die Präsident Lula eröffnet. Die Bundesregierung will die Gelegenheit nutzen, um die wirtschaftlichen Bande zu stärken und sich Zugang zu Rohstoffen wie seltenen Erden zu sichern. Brasilien besitzt nach China die zweitgrößten Reserven dieser essenziellen Elemente für High-Tech-Industrie und Energiewende.
Oliver Stuenkel, Politikwissenschaftler an der Universität São Paulo, sieht in den verbesserten Beziehungen zu Deutschland eine Chance zur Diversifizierung Brasiliens. Dies bietet dem Land auch Alternativen zum Einfluss von USA und China. Trotz politischen Drucks seitens der USA könnte eine engere Zusammenarbeit mit Europa Brasilien mehr Handlungsspielraum bieten.
In Berlin hat man das Potential Lateinamerikas lange unterschätzt, obwohl Deutschland als wichtigster EU-Handelspartner für Brasilien gilt. China und die USA haben hingegen ihre Vormachtstellung ausgebaut. In Brasília wird Deutschlands zögerliches Agieren zunehmend kritisch gesehen.
Deutschland importiert zwei Drittel seiner seltenen Erden aus China und versucht, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Doch andere Länder wie China, Kanada und Indien haben bereits Zugang zu brasilianischen Rohstoffvorkommen gesichert. Ingo Kramer von der Lateinamerika-Initiative betont die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung zur Förderung dieser Ressourcen.
Präsident Lula will Brasilien nicht als reine Rohstoffquelle missbrauchen lassen und fordert Verarbeitungsstufen im eigenen Land. China hingegen importiert und veredelt Rohmaterial vor Ort, während deutsche Unternehmen Wertschöpfung in den Herkunftsländern anstreben.
Deutsche Firmen wie Bayer oder Volkswagen genießen einen guten Ruf in Brasilien, doch fehlen Investitionen in Zukunftstechnologien. Politische Spannungen sind aufgrund von Lulas Außenpolitik vorhanden, jedoch strebt Deutschland eine pragmatische Kooperation an. Mit Lula im Amt hat sich die Beziehung zu Deutschland wieder verbessert.
Brasilien sucht nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit und globaler Einflussnahme, um sich nicht vollständig in chinesische oder amerikanische Abhängigkeiten zu begeben. Während der Präsidentschaft Bolsonaros waren die Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland abgekühlt; mit Lula kehrte eine positive Dynamik zurück.
Obwohl Bundeskanzler Friedrich Merz bisher keine klare Haltung zu Lateinamerika als Partner gezeigt hat, bietet der Besuch des brasilianischen Präsidenten die Gelegenheit, dies zu ändern.