Die Aargauer Kantonsregierung will zeitgemäße und geschlechtsneutrale Bezeichnungen einführen. Diese Initiative fand jedoch im Parlament keine Unterstützung, das eine Volksabstimmung verhinderte. Die Diskussionen zeigten teilweise absurde Argumentationen. Barbara Horlacher von den Grünen aus Brugg verkörpert mit ihrem Zitat auf ihrer Homepage – «Ich bin gerne Stadtammann und wäre gerne Stadtpräsidentin» – das Empfinden vieler Politikerinnen im Aargau. Obwohl sie kompetent sind und hohe Ämter innehaben, fühlen sie sich oft nicht gleichgestellt. Ein Grund hierfür ist die politische Terminologie des Kantons, die stark an den Gründungsjahren 1803 erinnert. Damals wurden Institutionen wie der Kanton von Männern gegründet und über Jahrzehnte allein geführt – mit Landammännern und Gemeindeammännern. Mit dem Eintritt von Frauen in die Politik entstand ein sprachliches Dilemma, das sich vermutlich langfristig halten wird. So lautet der Titel einer Frau am Regierungsspitze «Frau Landammann», und eine Stellvertreterin des Regierungschefs wird als «Frau Landstatthalter» bezeichnet. Häufiger noch: Leitet eine Frau eine von 196 Gemeinden, so trägt sie gemäß der kantonalen Verfassung den Titel «Frau Gemeindeammann». Eine Änderung dieses Status quo wurde in der jüngsten Sitzung des Grossen Rats abgelehnt. Inzwischen ist die Anzahl weiblicher Politikerinnen im Aargau stetig gewachsen. Laut Statistik betrug ihr Anteil in den Gemeinderäten 2022 30 Prozent, 2021 waren es noch 26,5 Prozent. Derzeit wird etwa ein Viertel der Gemeinden von Frauen geleitet (46). Die Bezeichnung «Gemeindepräsidentin» oder «Stadtpräsidentin» ist theoretisch möglich und wurde in Brugg für Barbara Horlacher eingeführt. Eine solche Änderung erfordert jedoch eine Volksabstimmung. Für viele im linken Lager wäre eine automatische Anpassung wünschenswert. Der Aargau ist der letzte Kanton, der den Begriff «Gemeindeammann» überhaupt noch kennt – mit jahrzehntelangem Abstand zu anderen Kantonen wie dem Thurgau (2014), St. Gallen (2002) und Solothurn (1992). Diese haben sich alle für das Gemeindepräsidium entschieden. Im Aargau bleibt der «Amts-Mann» jedoch ein ständiger Begleiter einer Frau in politischen Positionen. Im Jahr 2022 reichten zehn Grossrätinnen aller Parteien außer der SVP eine Motion zur Abschaffung ausschließlich männlicher Bezeichnungen wie «Landammann» und «Gemeindeammann» ein. SP-Grossrätin Carole Binder-Meury argumentierte, dass Geschlecht in den Titeln der höchsten politischen Ämter nicht mehr explizit genannt werden sollte, fünfzig Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts. Der bürgerlich geprägte Kanton zeigte sich zurückhaltend. Der Grosse Rat konnte die Motion nur dank eines Stichentscheids der damaligen Ratspräsidentin Elisabeth Burgener (SP) zur Regierung weiterleiten. Die kantonale Exekutive schlug vor, «Landammann» in «Regierungspräsidium» und «Gemeindeammann» in «Gemeindepräsidium» zu ändern. Auch der Begriff «Einwohnerrat» sollte zu «Gemeindeparlament» werden. Nach einem Rechtsruck 2024 ist der Grosse Rat noch stärker von SVP und FDP geprägt. Die Debatte um gendersensitive Sprache verursachte bei deren Vertretern Unmut, wobei die Motion als «gendergaga» bezeichnet wurde. Die SVP sah darin eine unnötige Abkehr traditioneller Bezeichnungen. Der Begriff «Gmeindamme», wie er in der Mundart genannt wird, hatte lange eine besondere Bedeutung, vor allem auf dem Land. Doch die Welt verändert sich: Menschen werden mobiler, Kanzleien digitaler und Dörfer unpersönlicher. Einige Grossräte hängen nostalgisch an alten Bezeichnungen. Lutz Fischer von der EVP betonte, dass er die «schönen alten Begriffe» schätze und nicht notwendigerweise sexistisch sei. Emanuel Suter (SVP) sprach von einem falsch verstandenen Modernisierungseifer. Auch Rätinnen wie Jeanine Glarner (FDP), selbst eine Frau Gemeindeammann, zeigten Widerstand. Sie argumentierte, dass es nicht um Gleichstellung gehe, sondern um die Funktion des Amtes. Der Grosse Rat lehnte die Regierungsvorlage knapp mit 69 zu 64 Stimmen ab. SP, Grüne und Mitte konnten sich gegen die rechtsbürgerliche Mehrheit nicht durchsetzen. Eine Volksabstimmung ist im Aargau vorerst ausgeschlossen. Regierungsrat Dieter Egli (SP) sah in der Debatte um Bezeichnungen eine Frage der Identität, auch wenn sie für den Kanton nicht existenziell sei.