Die Verbreitung von «No kids»- oder «Adults only»-Zonen in Hotels, öffentlichen Verkehrsmitteln und auf Campingplätzen steigt. Erwachsene möchten immer öfter ungestört sein. Ist dies ein Zeichen gesellschaftlicher Veränderungen?
Nach einem arbeitsreichen Tag kämpfen Pendler um einen Sitzplatz im Zug oder in der S-Bahn. Sie erleichtern sich, wenn sie in Ruhe ein Bier trinken und aufs Handy starren. Doch diese Entspannung dauert nur kurz: Ein schreiendes Kleinkind im Nachbarabteil stört die Ruhe.
Wer das vermeiden möchte, kann den TGV nutzen. Seit Januar bietet dieser französische Schnellzug eine «Optimum»-Klasse an. Das staatliche Bahnunternehmen SNCF wirbt mit Stille und bei «Optimum plus» sogar mit persönlicher Betreuung. Kinder sind jedoch nicht erwünscht.
Um «maximalen Komfort zu gewährleisten», dürfen laut SNCF keine Kinder reisen. Dies löste in Frankreich heftige Diskussionen aus. Die Bahn hat daraufhin die Altersangabe auf der Buchungsplattform entfernt und bietet keine Tickets für Kinder mehr.
In der Schweiz gibt es solche kinderfreien Abteile (noch) nicht, aber auch hier werden «Adults only»-Zonen zunehmend populär. Angebote reichen von Cafés über Hotels bis hin zu Campingplätzen wie dem neu konzipierten «Lazy Rancho» im Berner Oberland, wo der Zutritt oft erst ab 12, 16 oder 18 Jahren gewährt wird.
Simone Gäumann, Sozialanthropologin an der Berner Fachhochschule, verbindet dies mit einer Gesellschaft, die zunehmend Leistung und Selbstfürsorge betont. «Man möchte sich Ruhe gönnen, Müdigkeit soll legitim sein», sagt sie.
Die Tourismusbranche nutzt diese Präferenz und richtet sich an ruhesuchende Konsumenten. Websites wie adults-only.de bieten Erwachsenen spezielle Ferienangebote. Auch Reiseveranstalter wie hotelplan.ch, tui.ch und helvetictours.ch sowie Fluggesellschaften wie Corendon schaffen kinderfreie Bereiche.
Der Ausschluss bestimmter Altersgruppen wird als Qualitätsversprechen vermarktet. Doch für Simone Gäumann ist dies mehr als nur ein wirtschaftliches Phänomen. Sie sieht darin eine gesellschaftliche Debatte.
Früher hatten Erwachsene oft keinen Zutritt zu Jugendangeboten, heute gibt es zunehmend Einschränkungen. Gäumann selbst mit zwei kleinen Kindern erkennt Herausforderungen, betrachtet die Ausgrenzung von Gruppen jedoch kritisch.
Für Befürworter sind «Adults only»-Angebote eine legitime Wahl. Sie bringen ökonomischen Nutzen für bestimmte Branchen. Doch Gäumann betont: «Kinder gehören zur Menschheit. Die Frage ist, was das über unser Zusammenleben aussagt.”
Sozialwissenschaftliche Studien zeigen, dass Kinder Ausgrenzung bewusst wahrnehmen und lernen, sich Raum anzueignen. Gäumanns Forschung konzentriert sich auf partizipative Stadtentwicklung, wo der öffentliche Raum Menschen in unvorhersehbaren Situationen zusammenführt.
Die Soziologin Martina Löw von der Technischen Universität Berlin beschreibt Räume als Ergebnis sozialer Prozesse. Sie sieht zunehmende Abgrenzung und Homogenität, wie in «gated communities» oder kinderfreien Zonen, als Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels.
In Südkorea sind solche Einschränkungen verbreitet, was zu einer der niedrigsten Geburtenraten weltweit beiträgt. Löw sieht darin eine Anpassung an eine patriarchal erlebte Welt.
Gäumann betont, dass unterschiedliche Bedürfnisse nebeneinander Platz finden sollten, um Empathie und gegenseitiges Verständnis zu fördern. Sie warnt: «Angebote nur für Gleichgesinnte erhöhen Distanz und Polarisierung. Wenn die Möglichkeiten zur Begegnung schwinden, geht auch Empathie verloren.”
Kinderfreie Zonen werfen eine wichtige Frage auf: Organisieren wir das Zusammenleben durch Abgrenzung oder durch den Willen, einander auszuhalten?