Der frühere Präsident Bulgariens, Rumen Radew, ist laut Hochrechnungen der klare Sieger der vorgezogenen Parlamentswahlen. Etablierte Parteien konnten sich nur unterdurchschnittliche Ergebnisse sichern.
Am vergangenen Sonntag fanden in Bulgarien vorgezogene Parlamentswahlen statt, bei denen Radews Mitte-links-Allianz “Progressives Bulgarien” laut Meinungsforschungsinstituten bis zu 45 Prozent der Stimmen erhielt. Dies könnte ihm und seiner Allianz eine absolute Mehrheit im Parlament mit etwa 140 Sitzen bescheren – weit mehr, als vor dem Wahltag prognostiziert wurde.
Obwohl das endgültige Ergebnis noch aussteht, deutet vieles auf einen bemerkenswerten Erfolg für Radew hin, der sein Bündnis erst kürzlich gegründet hatte. “Dies ist ein Sieg des Vertrauens über die Skepsis, ein Sieg der Freiheit über die Angst und letztendlich ein moralischer Triumph”, erklärte Radew in einer Pressekonferenz am späten Sonntagabend.
Radew trat im Januar als Staatspräsident zurück, um an den Wahlen teilzunehmen. Bekannt ist der ehemalige Luftwaffenpilot und General für seine Beliebtheit in Bulgarien und seine Nähe zu Moskau. Er kritisierte die EU-Sanktionen gegen Russland und sprach sich gegen militärische Unterstützung für die Ukraine aus. In einem Interview erklärte er, dass unter seiner Führung Bulgarien nicht an Militärhilfen für die Ukraine beteiligt sein werde, jedoch keine Blockade von Entscheidungen auf EU-Ebene geplant sei.
Während des Wahlkampfs positionierte sich Radew strategisch zurückhaltend hinsichtlich einer pro-russischen Haltung. Er versprach stattdessen, die nationalen Interessen innerhalb der Nato und der EU zu wahren. Sein Hauptversprechen war das Ende des “oligarchischen Modells” in Bulgarien.
Der bekannte Anti-Korruptions-Aktivist strebt eine Justizreform an, möchte den Zugang politischer Eliten zu staatlichen Mitteln verhindern und die Medienfreiheit wiederherstellen. Er betonte am Sonntag den europäischen Weg Bulgariens.
Die Wähler gaben mit ihrem Votum ihren Wunsch nach Veränderung und einer Abkehr von etablierten Parteien zum Ausdruck. Das prowestliche Bündnis Gerb-SDS, die ehemalige Koalitionsregierung, sowie das liberalkonservative PP-DP-Bündnis erzielten laut Meinungsforschern nur 12 bis 13 Prozent der Stimmen.
Es ist ein bemerkenswerter Sieg in Bulgarien seit langem nicht mehr erfolgt. Die politische Instabilität könnte mit diesem Ergebnis vorübergehend enden, nachdem das Land innerhalb von fünf Jahren acht Parlamentswahlen erlebt hat – oft ohne dauerhafte oder überhaupt keine Regierungskoalition.
Die hohe Wahlbeteiligung von mehr als 51 Prozent, gemäß dem Meinungsforschungsinstitut Alpha Research, zeigt das Unbehagen der Bevölkerung mit vorherigen Übergangsregierungen. Im Herbst 2024 lag die Beteiligungsquote bei lediglich 38,9 Prozent.
Radew äußerte sich nach den Wahlen offen für eine Koalition mit dem proeuropäischen Reformbündnis PP-DP zur Umsetzung einer Justizreform. Die Allianz hat sich ebenfalls der Korruptionsbekämpfung verschrieben und war maßgeblich an den Protesten gegen Vetternwirtschaft beteiligt, die zum Rücktritt der damaligen Regierung führten. Dennoch müssen nun die endgültigen Ergebnisse abgewartet werden; Radews Bündnis könnte unter Umständen allein regieren.