Nach den achten Parlamentswahlen innerhalb von fünf Jahren erzielte Ex-Präsident Rumen Radew einen überraschenden Erdrutschsieg. Nur zwei Monate nach der Gründung seines Parteibündnisses «Progressives Bulgarien» deutet vieles auf eine Mehrheit im Parlament hin, was ein historisches Ergebnis für ein Balkanland darstellt und möglicherweise den Ausweg aus einer anhaltenden politischen Sackgasse bietet. Die bisherigen drei politischen Lager – prorussisch ausgerichtet, Reformisten sowie die alte Garde um Bojko Borisov und Deljan Peewski – konnten sich nicht auf eine Zusammenarbeit einigen. Diese beiden dominieren als mächtigste Persönlichkeiten Bulgariens das politische Geschehen. Die Partei GERB von Borisov und die liberale DPS-Partei, beeinflusst durch Peewski, verhindern seit Jahren die Korruptionsbekämpfung im Land.
Radews möglicher Wahlsieg könnte diese politische Pattsituation beenden, indem seine Partei ohne Koalitionspartner regieren kann. Radew, der neun Jahre lang Präsident war und sich nun als Korruptionsbekämpfer positioniert, kritisiert auch die Euro-Einführung in Bulgarien und zeigt Sympathien für pragmatische Beziehungen zu Russland.
In Brüssel sorgt dies bei manchen für Sorge über Radews mögliche Rolle als «neuer Orban», insbesondere bezüglich seines Vetos gegen den 90-Milliarden-Kredit der EU an die Ukraine. Doch andere bezweifeln, dass sich Bulgarien aus Geldern der EU zurückziehen könnte, da das Land stark von diesen abhängig ist.
Peter Balzli, Korrespondent für Österreich und Osteuropa, berichtet seit 2016 über diese Region. Er studierte Wirtschaft und Medienwissenschaften in Bern und Berlin, absolvierte die Ringier-Journalistenschule und arbeitete von 1995 an bei SRF. Davor war er beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz tätig.
Tagesschau, 19.4.2026, 19:30 Uhr