In Rothrist, im Kanton Aargau, zeigte Martina Bircher am Dienstag Aprils eine unerwartete politische Präsenz. Als Rednerin beim lokalen Kiwanis-Klub sprach sie über ihre Rolle in der Bildungspolitik, die sie leitet. Obwohl sie sich um wenige Minuten verspätete, warteten die Zuhörer geduldig auf jemanden, den man früher nicht abwartete.
Seit einem Jahr ist Bircher Regierungsrätin im Aargau und hat bisher wenig Kritik erfahren – ein bemerkenswerter Umbruch für eine Frau, die lange als SVP-Hardlinerin galt. Ihre Kollegen beschrieben sie einmal als einen „kleinen Terrier“, da sie in der Lage ist, schwierige Themen mit Nachdruck voranzutreiben. Diese Eigenschaft bringt normalerweise Widerstand hervor; bei Bircher nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass viele nie erwartet hätten, dass Bircher zu solchen Positionen aufsteigen würde. Sie selbst fühlt sich oft unterschätzt – das ist die Geschichte ihres Lebens.
Als Kind galt sie als „Sonnenschein“, der in der Schule Handarbeit und Hauswirtschaft bevorzugte, aber nicht herausragende Noten erzielte. Ein Lehrer sagte ihr mit zehn Jahren unverblümt: “Dich schicken wir in die Realschule. Du wirst ohnehin einmal Hausfrau und Mutter.” Sie wollte diesen Weg vermeiden.
Ihre Karriere ist dennoch beeindruckend: Gemeinderätin als Neuzugezogene, Nationalrätin (in wichtigen Kommissionen) und schließlich Regierungsrätin – trotz innerparteilicher Anfeindungen. Bei Wahlen hat sie stets große Erfolge erzielt.
Skepsis war ihr dennoch oft entgegengebracht: Ein Exekutivamt in Aarburg? Längst nicht mehr als ein paar Monate im Amt überleben können! Nationalrätin? In der männerdominierten SVP-Fraktion sich behaupten? Und Regierungsrätin? Zu sehr eine Hardlinerin, zu wenig erfahren. Es folgte eine Schlammschlacht mit Diffamierungen gegen sie und ihren Mann.
Die Gründe für den Dünkel gegenüber Bircher sind unklar: Ihre geringe Körpergröße, das Geschlecht oder fehlende universitäre Abschlüsse?
Heute leitet sie oft Sitzungen ohne Doktortitel. Sie vertritt die Bürger und setzt auf gesunden Menschenverstand, wobei sie bei Bedarf Experten aus ihrem Departement hinzuzieht.
In ihrer politischen Arbeit hat sich Bircher durchgesetzt: In Aarburg senkte sie die Sozialhilfequote von 6 auf 2 Prozent mit einer Strategie des fairen Drucks. Sie förderte die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt und half Asylsuchenden, Jobs zu finden.
Ihre Erfolge führten dazu, dass die Kritik nachließ. Nun konzentriert sie sich auf Bildungspolitik: Ein Handyverbot an Schulen ist ihr erster Schritt, Französisch wird nicht mehr als zwingend angesehen. Sie setzt auf Förderklassen und umgeht den Inklusionsgedanken zugunsten einer separaten, aber nahegelegenen Unterbringung.
Auch die Zusammenarbeit mit Colette Basler von Bildung Aargau funktioniert gut, trotz unterschiedlicher Überzeugungen. Birchers Bereitschaft zur Kooperation wurde durch viele positive Rückmeldungen bestätigt, selbst von früheren Kritikern wie dem GLP-Präsidenten Philippe Kühni.
Zeitungen erkennen zunehmend an, dass Bircher ihre Worte sorgfältig wählt und politisch vorsichtig agiert. Trotz ihrer kurzen Amtszeit wurde sie in den EDK-Vorstand gewählt – eine Positionierung, die etablierte Bildungsdirektoren unter Druck setzt.
Martina Bircher hat ihre Rolle gefunden: Sie setzt sich durch und gestaltet Politik nachhaltig. Das könnte der neue Meilenstein ihrer bemerkenswerten Lebensgeschichte sein.