Die jüngsten militärischen Auseinandersetzungen im Persischen Golf haben weitreichende Auswirkungen auf zahlreiche Branchen, darunter die Halbleiter- und Chemieindustrie. Der Energiemarkt erlebt Schocks, die an pandemiebedingte Logistikprobleme erinnern, wobei Störungen in einer Region globale Folgen nach sich ziehen.
Die Blockade der Strasse von Hormuz infolge des Nahost-Konflikts beeinträchtigt den Transport von Erdöl und Erdgas, was zu einem Anstieg der Dieselpreise für Lastwagenfahrer in Europa sowie höheren Kosten für Dünger, Putzmittel und Reinigungsmittel führt. Taiwans bedeutender Chipproduzent TSMC sieht sich zudem mit einem Engpass bei Helium konfrontiert, das für die Herstellung von Halbleitern im Zuge des KI-Booms unerlässlich ist.
Laut einer Schätzung von S&P Global sind etwa die Hälfte der weltweiten Raffinerien vom Golfkonflikt betroffen. In Krisenzeiten steigen die Preise für raffinierte Produkte oft schneller als jene für Rohöl oder Gas, da Lagerbestände knapper und Lieferketten weniger flexibel sind.
Die deutsche Chemiebranche befindet sich laut Verbandspräsident Wolfgang Grosse Entrup im “absoluten Krisenmodus”, wobei bereits bestehende Engpässe zu drastischen Preisanstiegen bei Chemikalien führen. BASF kündigte eine Preissteigerung für Reinigungsmittel um bis zu 30 Prozent an.
Exportbeschränkungen in Ländern wie China und Südkorea verschärfen die Situation weiter, indem sie Rohstoffknappheit auf andere Märkte verlagern. Dies führt dazu, dass die Kosten für Treibstoffe stärker steigen als der Preis des zugrunde liegenden Referenzwertes, etwa der europäischen Erdölsorte Brent.
Europa bezieht rund 40 Prozent seiner Flugzeugtreibstoffimporte aus dem Golf. Seit dem Rückgang der Rohstoffbezüge aus Russland im Jahr 2022 verschärft sich die Lage weiter. Airlines wie Cathay Pacific und SAS haben darauf mit höheren Ticketpreisen reagiert.
Die Anpassung des Raffineriebetriebs ist nicht einfach, da viele Anlagen aufgrund sinkender Nachfrage und strengerer Umweltauflagen stillgelegt wurden. Indien, einst wichtiger Diesel-Lieferant für Europa, leidet ebenfalls unter Rohstoffknappheit.
Auch bei der Düngemittelproduktion zeichnen sich Probleme ab: Ammoniak, hergestellt aus Stickstoff und Wasserstoff, wird oft in unmittelbarer Nähe zu Gasanlagen produziert. Katar, ein führender Erdgasproduzent ohne bedeutende strategische Reserven, erlebt einen Preisanstieg für Düngemittelbestandteile wie Harnstoff um über 40 Prozent.
Die Halbleiterindustrie und andere Sektoren befürchten Engpässe bei Helium, einem Nebenprodukt der Erdgasverflüssigung. Katar produziert ein Drittel des weltweiten Volumens, das derzeit dem Markt fehlt. Der Preis ist bereits stark gestiegen.
Taiwan, ein Zentrum der Chipindustrie, und Südkorea, ein großer Produzent von Speicherchips, sind besonders betroffen. TSMC, Lieferant fortschrittlicher KI-Beschleuniger, könnte Produktionsengpässe erleiden, was die geplanten Investitionen der großen US-Technologiekonzerne gefährden würde.
Ob diese Negativszenarien Realität werden, hängt von der Dauer des Konflikts ab. Taiwan und andere Unternehmen berichten über stabile Heliumversorgung und diversifizierte Lieferketten. Die Unsicherheiten am Golf machen die Abschätzung der langfristigen Folgen schwierig.