Nach einer Dekade politischer Unruhe wird Peru am kommenden Sonntag erneut eine neue Führung wählen. In den vergangenen zehn Jahren wechselten insgesamt neun Präsidenten das Amt, wobei einige von ihnen vorzeitig abgelöst wurden. Übergangspräsident José Jerí war lediglich vier Monate im Amt. Vor diesem Hintergrund herrscht ein großer Wunsch nach Kontinuität in Politik und Wirtschaft. Richard Haep, der Landesdirektor von Helvetas in Peru, gibt Einblicke in die aktuelle Lage vor den Wahlen in Lima.
Haep ist als Südamerika-Experte für Helvetas tätig, einer schweizerischen Nichtregierungsorganisation.
SRF News: Wie steht es um die Stimmung im Vorfeld der Wahlen?
Richard Haep: Die Atmosphäre ist gedrückt und stark polarisiert. Von den 35 Kandidaten haben lediglich jene, die in Umfragen zu den ersten fünf bis sechs gehören, realistische Chancen. Hierzu zählt Keiko Fujimori, Tochter des ehemaligen Präsidenten Fujimori, welche momentan mit 15 Prozent führt und voraussichtlich in eine Stichwahl gelangen wird. Auch konservative Bewerber haben gute Aussichten. Insgesamt ist der Wunsch nach Stabilität groß.
Welche Themen sind für die Wählerschaft am wichtigsten?
Drei Hauptthemen dominieren: öffentliche Sicherheit, wirtschaftliches Fortkommen sowie Korruption. Im Februar verzeichnete das Land rund 200 Morde im Zusammenhang mit Erpressung und Blockaden. Das Vertrauen in den Präsidenten und den Kongress ist gering; mehr als sieben Millionen Peruaner leben unterhalb des Mindesteinkommens, die Armutsrate liegt bei über 25 Prozent.
Wie beeinflusst die politische Instabilität wichtige Exportsektoren wie Kaffee?
Politisch erlebt Peru eine hohe Unruhe mit neun Präsidenten in zehn Jahren und unvollendeten Amtszeiten. Trotzdem zeigt sich wirtschaftlich eine bemerkenswerte Stabilität, vor allem dank eines stark exportorientierten Sektors, der Minenprodukte sowie Kaffee und Kakao umfasst. Der peruanische Sol gilt als besonders stabil in Lateinamerika – vergleichbar mit dem Schweizer Franken. Allerdings profitiert nicht die gesamte Bevölkerung von dieser Entwicklung.
Welche Erwartungen hat das Volk an die nächste Regierung?
Die Erwartungen sind gering, da die Erfahrungen der letzten Jahre von Instabilität geprägt waren. Neben dem Präsidenten werden auch Senat, Kongress und das Andenparlament neu gewählt – mit über 198 Positionen und zahlreichen Kandidaten. Der schwache Ruf von Präsident und Kongress schadet weiterer Vertrauensbildung, vor allem nach wiederholten Amtsenthebungen durch den starken Kongress. Die Skepsis in der Bevölkerung ist groß, obwohl viele Kandidaten eine starke Hand versprechen.
Das Interview führte Katrin Hiss.
SRF 4 News, 10.4.2026, 6:46 Uhr; srf/harm; hosb