In seinem neuen Werk «Eine andere Geschichte» porträtiert Charles Lewinsky das bewegte Leben des deutsch-jüdischen Filmproduzenten Curtis Melnitz. Der Schweizer Autor präsentiert eine ‘alltägliche’ Erzählung, die mit tragischen Momenten durchsetzt ist und mit viel Humor erzählt wird.
Charles Lewinsky kam als Kind von seiner Grossmutter in Erfahrung, dass ein Mann namens Curtis Melnitz während ihres Aufenthalts in Leipzig vorbeigekommen sei. Dieser habe sich als Hollywood-Produzent vorgestellt und gewarnt: “Verschwindet aus Deutschland, es wird für Juden hier gefährlich.” Diese Anekdote stellt Lewinsky den Lesern zu Beginn des Buches vor.
Der reale Curtis Melnitz inspirierte Lewinsky seit Jahren zum Roman-Schreiben. Kurz vor seinem 80. Geburtstag veröffentlichte der Autor den neuen Roman, der sich von seiner früheren Arbeit aus dem Jahr 2006 unterscheidet.
Die Handlung spielt in Los Angeles im Jahr 1959. Der 80-jährige Melnitz leidet unter Albträumen und benötigt Schlaftabletten, die er nur mit regelmäßigen Psychoanalyse-Sitzungen erhält. Zögerlich beginnt er auf der Couch des Psychiaters Dr. Cowan, seine Geschichte als Filmproduzent zu erzählen.
Mit einem selbstironischen Unterton teilt Melnitz dem Psychiater «Dr. Cowan» seine Erinnerungen mit. Während der Arzt sich mehr für klassische Musik interessiert, versteht Melnitz das Leben in Filmbegriffen und webt seine Erlebnisse zu Szenarien.
«Jeder Mensch denkt so, wie es zu seinem Beruf passt. Sie sehen in jedem einen Verrückten, ich sehe in jedem Ereignis eine Filmszene», erklärt Melnitz. So beschreibt er seine erste Ehe als unzensierten Film und vergleicht das Nachkriegs-Leipzig mit einer abgeschlossenen Filmproduktion.
Der Roman ist voller Filmintrigen, exzentrischer Regisseure und übermächtiger Schauspieler. Er beschreibt Melnitz’ Zeit in Hollywood und Berlin vom Stummfilm bis zum Farbfilm und bietet dabei Einblicke in die Filmgeschichte.
Durch Zeitsprünge zwischen 1959 und den Vergangenheitsepisoden zieht Lewinsky Parallelen zur heutigen Zeit. Melnitz reflektiert über die Sensationen der damaligen Kinogeschichte, wie das Interesse an Zug-Szenen, im Vergleich zu modernen Blockbustern wie «Ben Hur».
Die aktuelle Krise des Kinos und der Aufstieg von Streaming-Diensten kontrastieren mit Melnitz’ Erinnerungen. Selbst Oscar-Jury-Mitglieder ziehen das Streamen vor dem klassischen Kinobesuch vor.
Melnitz schweift in seinen Erzählungen ab, findet aber immer wieder zurück zu seiner eigenen Geschichte. Der gesamte Roman besteht aus seinen Gedanken und Erzählungen auf der Couch von Dr. Cowan, ohne direkte Dialoge des Psychiater.
Im Verlauf des Romans durchläuft Melnitz einen bemerkenswerten Wandel. So wie er die Therapiesitzungen schätzt lernt, kann auch der Leser es kaum erwarten, das nächste Kapitel zu lesen, das von schmerzhaften Erinnerungen und Albträumen geprägt ist.
*Dieser Text von Young-Sim Song, Keystone-SDA, wurde mit Unterstützung der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung erstellt.*