Trotz der Beharrlichkeit internationaler Diplomatie an der Formel “die Palästinenser” ist die palästinensische Ordnung faktisch zusammengebrochen und droht in Chaos zu versinken. Dieses Ende ist das Resultat eines langjährigen politischen Zerfallsprozesses, der sich über Jahre hinweg vollzogen hat und nun kaum mehr verborgen bleibt. Es markiert kein formelles Versagen, sondern zeichnet sich durch strukturelle Erschöpfung aus.
Mahmud Abbas reiste kürzlich nach Moskau und wurde als Präsident empfangen, obwohl seine tatsächliche Repräsentation fragwürdig ist. Während die internationale Diplomatie an der Chiffre “die Palästinenser” festhält, zeigt sich in der Realität eine zerbrochene kollektive Einheit.
Die palästinensische Politik leidet unter einer mehrfachen Zersplitterung. Geographisch ist sie zwischen Gaza, dem Westjordanland und einer marginalisierten Diaspora geteilt, institutionell durch konkurrierende Machtzentren gekennzeichnet und ideologisch ohne einheitliches Projekt jenseits der Ablehnung Israels.
Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) im Westjordanland hat sich von einem Übergangsmodell zur Staatlichkeit zu einem dauerhaften Provisorium entwickelt, das in strukturelle Abhängigkeit geraten ist. Sie funktioniert finanziell nur durch internationale Unterstützung und politisch nur mit externer Anerkennung.
Das Misstrauen der Bevölkerung, insbesondere unter den jüngeren Palästinensern, wächst stetig, da Wahlen verschoben werden und die PA keine Vision mehr bietet. Präsident Abbas steht symbolisch für Kontinuität, aber auch für politische Erstarrung.
In Gaza bleibt die Hamas trotz Isolierung eine relevante Macht. Der Konsens zur Ablehnung der Hamas als Regierungsmacht bleibt unklar bezüglich ihrer Nachfolge.
US-Präsident Donald Trumps Initiativen für technokratische Verwaltung und Wiederaufbau schaffen nicht die erhoffte Stabilität, sondern führen zu weiterer institutioneller Konkurrenz.
Israel sieht in diesem Chaos eine strategische Herausforderung. Ohne einen kohärenten palästinensischen Akteur entfällt der Druck auf Verhandlungen. Ein Zusammenbruch der PA würde Israels Verantwortung nicht verringern, sondern vergrößern.
Arabische Staaten distanzieren sich intern von der palästinensischen Sache, ohne öffentlich Konsequenzen zu ziehen, was die Situation weiter kompliziert. Die palästinensische Diaspora spielt keine wesentliche Rolle mehr bei politischen Entscheidungen.
Der Verlust eines gemeinsamen politischen Narrativs und einer seriösen Vision kennzeichnet das Ende der palästinensischen Ordnung, deren Zukunft ungewiss bleibt. Denkbar sind weitere Fragmentierung oder eine Erneuerung aus gesellschaftlichen Prozessen von unten – allerdings fehlen dafür notwendige Räume.
Insgesamt ist die palästinensische Frage noch immer ungelöst, nicht wegen zu vieler Antworten, sondern weil niemand mehr verbindlich fragt.