Das ambitionierte Vorhaben Seabed 2030 strebt an, bis 2030 eine vollständige Karte des Meeresbodens zu erstellen. Obwohl es unter neutraler Wissenschaft getarnt ist, birgt das Projekt geopolitische Brisanz. Die Ozeane bedecken über siebzig Prozent der Erdoberfläche und sind dennoch kaum erforscht: Lediglich ein Viertel des Meeresbodens wurde mit Satelliten- und Sonartechnik kartiert und nur ein Prozent durch Unterwasserfahrzeuge untersucht. Drei Viertel des Meeresgrundes liegen unerforscht in Tiefen von über tausend Metern.
Die nicht erfasste Fläche ist mehr als doppelt so groß wie die aller Kontinente zusammen, was den Ozean zum größten Lebensraum der Erde macht. Die fünf Weltmeere beherbergen 1,3 Milliarden Kubikkilometer Wasser und sind mit 99 Prozent des bewohnbaren Raums entscheidend für das Leben auf unserem Planeten.
Die vergleichsweise geringe Erforschung unserer Ozeane wird oft kritisiert: „Über die Oberfläche des Mondes oder des Mars wissen wir mehr als über den Grund des Ozeans.“ Diese Erkenntnis führte 2017 zum Start von Seabed 2030, einem Projekt der Nippon Foundation und Gebco. Unter dem Dach der Vereinten Nationen strebt es die vollständige Kartierung bis 2030 mit geschätzten Kosten von drei bis fünf Milliarden Dollar an.
Laura Trethewey, amerikanische Wissenschaftsjournalistin aus San Diego mit Wohnsitz in Kiel, dokumentiert dieses Vorhaben im Buch „Bis zum Grund der Welt. Das abenteuerliche Rennen um die Kartierung des Meeresbodens“. Sie zeigt auf, wie Ozeanografen, Biologen und Investoren – getrieben von wissenschaftlicher Neugierde bis hin zu Rohstoffinteressen – an diesem Projekt arbeiten.
Das Buch verdeutlicht auch die Ambivalenz der Motive: Während Umweltschutz und wissenschaftliche Erkenntnis im Vordergrund stehen, geht es vielen Akteuren auch um den Zugang zu Bodenschätzen. Die internationale Schifffahrt konzentriert sich auf gut kartierte Gebiete; abseits davon mangelt es an Kartenmaterial, besonders in den Polarregionen.
In Arviat, einer Inuitsiedlung in der kanadischen Hudson Bay, zeigt Trethewey die Notwendigkeit aktueller Karten aufgrund geologischer Veränderungen. Hier sammeln lokale Jäger mit Hydroblöcken Daten für Seabed 2030, wobei Crowdsourcing als effektives Mittel hervorgehoben wird.
In den Polregionen treten geopolitische Spannungen zutage: Anrainerstaaten bereiten sich auf eisfreie Nördliche Regionen vor. Der Zugang zu Bodenschätzen wie Mangan und Kobalt im Nordpolarmeer erhitzt die Gemüter. Russland, Kanada, Dänemark und die USA streiten über den Lomonossow-Rücken, der als Ausdehnung ihres Kontinentalschelfs angesehen wird.
Die Frage bleibt: Verkommt Seabed 2030 zur Schatzkarte unerforschter Regionen? Obwohl Seabed 2030 keine genauen Rohstoffpositionen offenlegt, unterstützen Staaten Firmen bei der Erstellung präziser Karten. Die Geschichte zeigt, dass Kartografie oft Machtansprüche diente – ein Thema, das besonders im Arktischen und Südchinesischen Meer aktuell ist.