Mit dem Ziel, als Kulturbotschafter des Landes zu fungieren, setzt das Swiss National Orchestra (SNO) ausschließlich auf Schweizer Musiker. Kann dieses Konzept aufgehen?
Auf seiner Webseite präsentiert sich das SNO mit der Devise «So klingt die Schweiz». Den ersten Eindruck vermittelt eine Aufnahme von Anton Bruckners 3. Sinfonie, dirigiert von Ralf Weikert aus St. Florian. Die Debüt-CD des Orchesters erscheint in einer schwarz-goldenen Box und wurde ohne Vertriebspartner herausgebracht.
Die Interpretation der Dritten Sinfonie Bruckners zeigt eine ungewöhnliche Leichtigkeit, die zart besaiteten Aspekte betont und eine ausgewogene Klangbalance bietet. Die Aufnahme entstand kurz vor dem ersten Auslandsauftritt des SNO im November 2024 beim Vatikanischen Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra. Dieser Kontakt kam über die Päpstliche Schweizergarde zustande, mit der das Orchester viel Gemeinsames teilt: «kulturelle Botschafter der Schweiz zu sein», so Igor Longato.
Longato, ein in Lugano aufgewachsener Dirigent und Pianist, will die musikalische Exzellenz des Landes hervorheben, das international vor allem mit Banken und Uhren assoziiert wird. Mit einem klaren Konzept – ausschließlich Schweizer Musiker – ähnelt das SNO der Schweizergarde.
Andere Länder wie Frankreich oder die USA haben ebenfalls Nationalorchester, deren Mitglieder weltweit rekrutiert werden. Das SNO hingegen wählt seine Musiker auf Einladungsbasis aus, darunter viele von Schweizer Orchestern und solche aus europäischen Spitzenensembles. Longato vergleicht dies mit Nationalmannschaften im Sport.
Die Gründung des SNO erfolgte offiziell 2016, doch pandemiebedingte Reisebeschränkungen verzögerten das Debüt bis 2024 im Casino Bern zur Bundesfeier am 1. August. Das Konzert trug den Titel «Vivat Helvetia» und wird nun jährlich wiederholt.
Das SNO sollte nicht mit dem von Lena-Lisa Wüstendörfer gegründeten Swiss Orchestra verwechselt werden, das sich auf unterrepräsentierte Schweizer Komponisten konzentriert. Im Gegensatz dazu beinhaltet das Repertoire des SNO auch bekanntes klassisches Material.
Die Wahl der Dirigenten ist international ausgerichtet: Ralf Weikert, ein erfahrener Musiker, führte bei Bruckners Dritter Regie und wird Jonathan Nott am 1. August folgen, dem Musikdirektor des Orchestre de la Suisse Romande.
Die Ausstrahlung der Aufnahme durch SRF und RSI sowie in weiteren Ländern markiert einen wichtigen Schritt für das SNO auf seinem Weg als Kulturbotschafter. Eine DVD mit Aufnahmen aus dem Konzert ist geplant, begleitet von Bildern der Schweizergarde.
Finanziell stützt sich das Orchester auf private Spender und plant, seinen Kreis zu erweitern. Es wird auch über Live-Auftritte und mögliche Präsenzen bei internationalen Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen nachgedacht. Gespräche mit Streamingplattformen könnten die internationale Bekanntheit steigern.
Ein einzigartiger «Schweizer Klang» soll entstehen, eine Herausforderung aufgrund der kulturellen Vielfalt des Landes. Longato beschreibt diesen als Mischung aus italienischer Emotionalität, französischer Finesse und deutscher Präzision – ein Rezept, das sich positiv auf die musikalische Qualität auswirken könnte.