Das Eindringen in eine Abhängigkeitskrankheit erfolgt oft schleichend, während der Ausstieg aus dieser Spirale enormer Anstrengung bedarf. Die Protagonistin des vorliegenden Artikels aus der Kolumne «Hauptsache, gesund» verfügt über vielversprechende Voraussetzungen für ihre Genesung. Mitte dreißig und Mutter von drei Kindern kämpft sie seit Jahren gegen eine Alkoholabhängigkeit, die sich allmählich in ihr Leben einschlich. In ihrer Jugend litt sie unter einer Essstörung – ein Umstand, der für ihren Hausarzt wenig überraschend ist, da solche psychischen Leiden häufig mit Suchterkrankungen zusammenhängen. Der Alkohol begann als eine vermeintliche Erleichterung in belastenden Situationen und wurde später zu einem ständigen Gefährten.
Eine ambulante Psychotherapie erwies sich nur als bedingt hilfreich. Ein entscheidender Wendepunkt trat erst nach einem zweimonatigen Aufenthalt in einer Entzugsklinik ein, gefolgt von weiteren Behandlungen durch einen Psychiater. Dort erhielt sie die Diagnose eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADS), was vielen ihrer Probleme eine Erklärung gab und ihr große Erleichterung verschaffte. Eine medikamentöse ADS-Behandlung sowie zwei Jahre intensiver Psychotherapie führten zu einer spürbaren Veränderung ihres Lebens.
“Früher habe ich nur im Nebel gelebt”, sagt sie heute und beschreibt, wie ihr Alltag nun klarer und direkter erlebt wird – zugleich aber auch die Probleme, die der Alkohol zuvor überschattet hatte. Suchtmittel versprechen zwar kurzfristige Erleichterung, hinterlassen jedoch langfristig ein Gefühl der Leere. Sie aktivieren das Belohnungssystem des Gehirns durch den Botenstoff Dopamin, doch ein anhaltendes Glücksgefühl bleibt aus, stattdessen treibt es den Wunsch nach mehr hervor.
Alkoholsucht ist keine Frage von Willensschwäche. Sie stellt eine chronische Erkrankung dar und kann jeden treffen – unabhängig von Bildungsniveau, Alter oder sozialem Umfeld. In der Schweiz schätzt das Bundesamt für Gesundheit die Zahl der alkoholabhängigen Menschen auf etwa 250 000 bis 300 000, also rund jede 25. Person ab einem Alter von 15 Jahren. Diese Zahlen verdeutlichen die Verbreitung des Problems – ein Thema, über das viel zu wenig gesprochen wird.
Mögliche Warnsignale einer Alkoholabhängigkeit sind zahlreich: steigender Konsum, Kontrollverlust, heimliches Trinken, Entzugserscheinungen und der Gebrauch von Alkohol zur Stressbewältigung. Dennoch bleiben sie oft lange unbemerkt oder werden verdrängt – sowohl von den Betroffenen selbst als auch ihrem Umfeld. Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert, leicht zugänglich und tief in unserer Kultur verwurzelt.
Die Ursachen einer Abhängigkeit sind vielschichtig: genetische Prädispositionen, Stress, Traumata oder soziale Einflüsse spielen eine Rolle. Der Alkohol verändert stets das Gehirn – schleichend und nachhaltig.
Was den Autor besonders beeindruckt, ist der Mut von Patientinnen wie seiner jungen Mutter: der Mut, sich wieder seinem eigenen Leben zu stellen, dem zerstörerischen Kreislauf zu entkommen und Hilfe anzunehmen. Wer über seinen oder den Alkoholkonsum eines Nahestehenden nachdenkt, hat bereits einen wichtigen Schritt unternommen. Alkoholsucht ist behandelbar und niemand muss diesen Weg allein gehen – zahlreiche Unterstützungsangebote können dabei helfen, den Unterschied zwischen Nebel und Klarheit zu machen.
Schon erschienene Texte der Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.