«Mamá!», ruft die vierjährige Alicia und eilt ihrer Mutter entgegen, nachdem der Tag in der staatlichen Kita endet. Aida hat ihre Tochter kaum begrüsst, da eine Nachricht von der Kinderbetreuerin eintrifft: «Wir haben keinen Reis mehr.» Bis das nächste Schiff eintrifft, bleibt nur Wurst, Hackfleisch und Eier übrig. Dies ist die Realität in Havannas staatlichen Kitas, den sogenannten «círculo infantil». Hier können Eltern wie Aida ihre Kinder zu einem symbolischen Betrag von rund drei Franken im Jahr betreuen lassen – zumindest theoretisch.
In der Praxis sieht es anders aus. Wie Aida erzählt: «Wenn die Kita keinen Reis hat, bringen wir ihn heimlich hinzu.» Sollte die Gemeinde davon erfahren, droht die Schliessung der Einrichtung. Dies zeigt, wie in Kuba oft nur noch eine Fassade des Sozialismus aufrechterhalten wird.
In der Kita hängen Bilder von Helden der kubanischen Revolution – darunter Fidel Castro Ruz, den Alicia bereits erkennt. Trotz Castros Tod vor zehn Jahren bleibt seine Präsenz in Kuba stark, besonders im Jubiläumsjahr seines 100. Geburtstags.
Aida und Alicia sind Pseudonyme; Kritik am Regime kann zu Inhaftierung führen. Aida äussert sich zu Hause: «Sozialismus und Kommunismus sollten verboten werden», denn die Infrastruktur leidet seit Jahren, es herrscht Mangel an Grundnahrungsmitteln und Medikamenten.
Seit den USA Kuba von der Treibstoffversorgung abgeschnitten haben, hat sich die Lage noch verschlimmert. Der jüngste russische Öltanker ändert wenig daran – es ist die erste Lieferung seit drei Monaten.
Aida arbeitet wie viele Kubaner bei einem Staatsbetrieb und verdient monatlich rund 24 Franken, zu wenig für den Lebensunterhalt. Als Staatsangestellte muss sie am ersten Mai an offiziellen Regierungsveranstaltungen teilnehmen – meist nur im Fernsehen.
Im Stadtteil Habana Vieja steht ein Spital mit verfallenen Wänden und inaktiven Röntgengeräten. Fernando, genannt nach seinem Beruf als Röntgentechniker, arbeitet hier seit 39 Jahren. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschlechterte sich das Gesundheitssystem drastisch.
Fernando lebt im Spital, da sein Haus eingestürzt ist und er keine Mittel für Reparaturen hat. Viele Häuser Havannas sind marode; die Stadt wirkt wie nach einem Krieg, ohne dass ein solcher stattgefunden hätte.
Boris González Arenas, der öffentlich das Regime kritisiert, wurde am Flughafen gestoppt und konnte nicht in die USA reisen. Viele Kubaner verlassen ihre Insel; Schätzungen zufolge sind es in den letzten fünf Jahren 10 bis 15 Prozent.
María, eine 83-Jährige Kommunistin, erinnert sich an die Zeit vor der Revolution, als ihr Vater und Großeltern in einer Zuckerfabrik arbeiteten. Die Revolution brachte Bildungschancen, doch heute fehlt es finanziell, und viele Familien sind auseinandergerissen.
67 Jahre nach dem sogenannten «Triumph der Revolution» bleibt die Generation von María zurück – enttäuscht und abhängig von Verwandten im Ausland.