Cory Doctorow ist nicht nur ein Autor von Romanen und Sachbüchern, sondern auch ein engagierter Kommentator in Debatten über digitale Macht. Der US-amerikanische Kanadier mit britischer Staatsangehörigkeit setzt sich seit Langem für Datenschutz und offene Technologien ein. Mit dem Konzept der «Enshittification» hat er den systematischen Verfall von Tech-Plattformen beschrieben, was in Wissenschaft, Journalismus und Politik zu Diskussionen geführt hat.
SRF fragt: Warum verschlechtern sich viele Online-Plattformen im Laufe der Zeit?
Doctorow erklärt in seinem Buch einen dreistufigen Prozess. Zunächst sind Plattformen ihren Nutzerinnen und Nutzern zugewandt, ohne dass es ihnen leicht fällt, die Plattform zu verlassen. Doch mit der Zeit werden auch sie an diese gebunden. In der dritten Phase ziehen sie den Nutzen aus den Beziehungen so weit wie möglich ab, sodass niemand mehr wechselt, während der Rest in Gewinn für Aktionäre und Management fließt.
Wie schaffen es Plattformen, das Gleichgewicht zwischen minimaler Nutzerzufriedenheit und maximalem Profit zu halten?
Doctorow betont, dass dieses Gleichgewicht schwierig ist und sich ständig verschiebt. Es geht darum abzuwägen: Wie sehr sind die Nutzerinnen und Nutzer verärgert? Und wie stark benötigen sie sich gegenseitig?
War das Internet nicht früher besser? Vielleicht war es klarer und freundlicher. Doctorow beginnt sein Buch mit dieser nostalgischen Empfindung, ohne Pessimismus zu verbreiten, sondern als Chronist einer Enttäuschung. Seine zentrale These lautet: Nicht die Technik allein macht das Netz kaputt, sondern politische Entscheidungen, die Monopole begünstigen.
Der Begriff «Enshittification» benennt diesen Verfall, den viele nur als Gefühl kannten. Doctorows Buch ist ein kämpferisches Werk, das erläutert, was schief läuft und wem es nützt.
Doctorow erklärt: „Unternehmen behandeln uns gut, solange sie Angst haben, dass wir gehen könnten. Sobald diese Option verschwindet, gibt es auch keine gute Behandlung mehr.“
Wie funktioniert diese Bindung? Niemand zwingt einen zur Nutzung einer Plattform.
Früher wurde den Unternehmen der Druck genommen, gutes Verhalten zu zeigen, da sie sich zu Monopolen zusammenschlossen. Sie lobbyierten jahrelang, bis Aufsichtsbehörden faktisch auf ihrer Seite standen und nutzten das Urheberrecht, um neue Technologien fernzuhalten.
Früher gab es Korrekturen aus den Reihen der Unternehmen selbst: Mitarbeiter widersprachen und verließen die Firma. Heute interessiert es niemanden mehr, wenn Angestellte protestieren. Kurz gesagt: Es gibt keine Disziplin mehr. Ohne Disziplin folgen sie nur einem Prinzip: maximaler Kosten für Nutzerinnen und Nutzer und minimaler Kosten für Plattform-Inhaber.
Hofft Doctorow, mit seinem Buch und dem Begriff «Enshittification» etwas ändern zu können?
Doctorows zentrale Botschaft lautet: Der Verfall digitaler Plattformen ist kein unvermeidliches Schicksal. Er resultiert aus vorhersehbaren Entscheidungen. Wenn wir die «Enshittification» als politische Weichenstellungen erkennen, können wir das System ändern.
Alle spüren den Niedergang der Plattformen, aber nur wenige wissen warum. Doctorow hofft, dass durch Aufklärung über politische Entscheidungen, die schlechte Ideen fördern, ein neues Umfeld geschaffen werden kann.
Das Gespräch führte Jürg Tschirren.
SRF 1, 10vor10, 25.03.2026, 21:50 Uhr