Im mexikanischen Bundesstaat Jalisco verschwinden Menschen in alarmierender Zahl, getrieben von der Macht eines großen Kartells und korrupter Beamter. Angehörige suchen verzweifelt nach ihren Lieben und riskieren dabei ihr eigenes Leben.
Patricia Rodríguez, die seit 2019 ihren Sohn sucht, steht an vorderster Front des Kampfes. Unterstützt von der Gruppe Guerreros Buscadores de Jalisco, erkundet sie entlang der Bahngleise im Viertel Pueblo Quieto nahe Guadalajara, auf der Suche nach Hinweisen auf verscharrte Leichen.
In Mexiko gibt es offiziell rund 130.000 Vermisste. In Jalisco werden jedoch die Zahlen deutlich höher eingeschätzt: Angehörige sprechen von etwa 25.000 Verschwundenen. Die Gründe reichen von Entführungen für Lösegeld bis hin zu Opfern innerer Bandenkämpfe.
Indira Navarro, Gründerin der Guerreros und selbst auf der Suche nach ihrer Schwester seit 2015, hat sich zur Stimme der verzweifelten Familien entwickelt. Sie kritisiert die Untätigkeit der Behörden scharf: „Ohne Leiche kein Verbrechen“, höre sie immer wieder von den Verantwortlichen.
Die Guerreros haben bereits über 2.000 Leichen gefunden, darunter auch in einem versteckten Lager des Drogenkartells Jalisco Nueva Generación, wo Jugendliche gefangen gehalten und zu Fußsoldaten ausgebildet wurden. Sie entdeckten dort drei unterirdische Krematorien und Hinweise auf Kannibalismus sowie Handel mit menschlichen Organen.
Die mexikanischen Behörden waren von der Existenz dieser Ranch länger als sechs Monate im Bilde, verschleierten den Fall jedoch. Politiker wurden verhaftet, Mitglieder der Staatsanwaltschaft traten zurück – doch die Zentralregierung zeigte bislang wenig Eifer bei den Ermittlungen.
Navarro selbst lebt unter strenger Bewachung und warnt vor der engen Verbindung zwischen organisiertem Verbrechen und Teilen der Behörden. Sie vertraut sich nun auf Nationalgardisten, die sie während ihrer Suche begleiten.
Maribel Cedeño, eine weitere Suchende, hat schon viele Leichen gefunden – oft in Müllsäcken zerteilt oder lebendig begraben. Ihre eigene Suche nach ihrem Bruder José Gil dauert bereits seit vier Jahren an.
Maria Guadalupe Camarena sucht fünf ihrer neun Kinder, die zwischen 2016 und 2019 verschwunden sind. Die Hoffnung auf ihre Rückkehr hat sie längst verloren; doch ohne offizielle Hilfe bleibt ihr nur der Kampf mit den Guerreros.
Ein weiteres Suchkollektiv, Luz de Esperanza, macht sich im Zentrum von Guadalajara Sichtbarkeit für die Vermissten. Héctor Flores, Gründer des Kollektivs und Vater eines verschwundenen Sohnes, spricht von sechs weiteren Lagerstätten im Landesinneren von Jalisco, deren Existenz durch Flüchtlinge belegt wird.
Flores selbst musste mehrmals seine Wohnung wechseln, nachdem er überfallen worden war. Die Suche ist für ihn jedoch nicht nur eine persönliche Angelegenheit: Er will auch die Enkeltochter seines Sohnes an dessen Geschichte heranführen. In all den Jahren konnten zwölf Personen lebendig gefunden werden – ein kleiner Lichtblick in einer dunklen Realität.
Die Suche geht weiter, trotz der Gefahren und Hindernisse. An einem Tag stoßen die Guerreros auf einen Hinweis von Anwohnern über einen Tunnel unter den Hütten der Migranten, der möglicherweise als Begräbnisstätte genutzt wird. Ohne schweres Gerät bleibt die Suche jedoch erfolglos.
Jalisco ist ein Ort des Schreckens geworden – ein Massengrab für viele unschuldige Opfer.